Vorwort Winter 2018

 

Er war ihnen hinterhergelaufen, wusste nicht wohin. Obwohl er diese Menschen nicht kannte, hatte er Vertrauen zu ihnen. Als sie sich umdrehten und zu ihm sahen, blieb er stehen. Hoffnungsvoll blickte er zu ihnen auf, hielt schüchtern Abstand.

Am Vortag hatte er sich beim Spaziergang verlaufen. Er war einer Spur gefolgt, hatte den Blick hartnäckig nach unten gehalten, immer der Nase nach. Irgendwann hatte sich die Spur verflüchtigt, war uninteressant geworden. Er schnupperte noch etwas am Boden, dann sah er sich um. Leere Ackerflächen so weit das Auge reichte. Waren seine Leute nicht gerade noch bei ihm gewesen? Wo waren sie hin? Er begann zu suchen. Eilig lief er zurück, folgte der eigenen Spur. Die Gegend war ihm fremd. Er wusste nicht, wo er war. Langsam wurde es dunkel.

Er spürte die Kälte unter sein Fell kriechen, fühlte die Einsamkeit und mit der Zeit auch den Hunger. Er hatte sich wirklich verausgabt, als er den vielen Gerüchen auf den Feldern nachgegangen war. Es hatte ihm großen Spass gemacht, ihnen selbstvergessen zu folgen. Jetzt funktionierte seine Bewegung mechanisch. Langsam, sehnsuchtsvoll trottete er auf kleinen Dackelbeinen durchs Dunkel. Er wollte nach Hause, dahin, wo seine Familie war, wo sie ihn mit Futter, Wärme, Streicheleinheiten und mit Liebe versorgten, und wo sein Körbchen stand.

In der Ferne sah er Lichter. Sie leuchteten aus Häusern, in denen Menschen waren. Er lief darauf zu. Hoffnungsvoll und hungrig näherte er sich ihnen. Als er zum Ortsrand kam, merkte er: Das war nicht das Dorf, aus dem sie am Nachmittag zum Spazierengehen aufgebrochen waren. Er schnupperte an einer Hauswand, tippelte die Straße entlang. Aus einem Fenster, das des Küchendunstes wegen gekippt worden war, roch es nach Braten, Rehbraten mit Soße. In seinem Mund lief das Wasser zusammen. Aus einem anderen Haus tönten festliche Musik und Stimmengewirr. Die Bescherung war in vollem Gange.

Er war in der Mitte des Ortes angelangt. Keine Menschenseele war auf der Straße, niemand trat vor die Tür. Er wusste nicht, was er tun sollte. Traurig sah er sich um. Müdigkeit kroch in seine Glieder. Er wollte schlafen, sich ausruhen von diesem ungewöhnlich anstrengenden Tag. Am liebsten hätte er sich zusammengerollt irgendwo, wo es warm war und kuschelig war. Wenigstens wollte er geschützt sein vor dem Wind. Er lief in eine Hofeinfahrt. Seine Nase half ihm, sich im Dunkeln zu orientieren. Unter einem Vordach fand er eine Fußmatte. Darauf rollte er sich zusammen. Seine kalte Nase hatte er tief in seinem Fell vergraben. Sein Magen knurrte. Er war zu erschöpft, weiter darauf zu achten. Der Schlaf übermannte ihn schnell.

Früh am Morgen weckten sie ihn. Stimmen drangen aus dem Haus, vor dessen Eingangstür er geschlafen hatte. Er gähnte, streckte seine ausgekühlten Glieder und stand auf, schüttelte sein klamm gewordenes Fell. Erwartungsvoll stellte er sich in einigen Schritten Entfernung in die Hofeinfahrt, den Blick auf den Eingang gerichtet, und lauschte. Stimmen kamen näher, dann öffnete sich die Tür. Menschen, eingehüllt in dicke Mäntel und warme Stiefel, traten ins Freie. Erstaunt sahen sie ihn: „Na, wer bist du denn? Was machst du hier? Komm, geh nach Hause.“ Zögernd wich er zurück, trottete aus der Einfahrt nach draußen.

Sie sperrten das Tor ab und gingen die Straße hinauf. Er lief hinter ihnen her. Nach einer Weile drehten sie sich um und musterten ihn. „Na, wo gehörst du denn hin?“ Wie gerne hätte er ihnen das erklärt. Ratlos sahen sie sich an, Hund und Mensch, Mann und Frau. Dann gingen sie weiter. Er folgte. Es ging bergauf über holpriges Pflaster, vorbei an einem Gartengelände einige Stufen hinauf. Mit seinen Dackelbeinen erklomm er Stufe um Stufe.

Jetzt kamen andere Menschen auf ihn zu. Er kannte sie nicht. Unsicher wich er ihnen aus. Sie redeten freundlich zu ihm, das merkte er. Einige gingen in die Hocke, streckten ihm ihre Hände entgegen, damit er sie beschnuppern konnte. Sie versuchten, ihn zu streicheln. Schließlich überwand er seine Scheu. Vielleicht hatten sie etwas zu fressen für ihn. Durch eine Tür aus Holz ging er mit ihnen in ein großes, etwas modriges riechendes Gebäude. Immerhin, hier war es warm. Essen konnte er nicht riechen. Dann schloss sich hinter ihm die Tür. Er sah sich um. Bänke aus Holz standen in Reihen angeordnet. Auf einigen saßen Menschen. Manche blickten interessiert belustigt zu ihm, andere wirkten distanziert.

Es war der 1. Weihnachtstag, kurz vor Gottesdienstbeginn in der evangelischen Kirche in Esselborn, und ein kleiner Dackel, der sich beim Spaziergang tags zuvor verlaufen hatte, wurde Teil der Gottesdienst feiernden Gemeinde. Sie hatten ihm ein Gefäß mit Wasser auf den Mittelgang gestellt. In Ermangelung einer Hundeschüssel war es ein Taufteller gewesen. Der kleine Hund tippelte während des Gottesdienstes durch die Kirche, schnupperte Bankreihe für Bankreihe ab, setzte sich mal diesem, mal jener zu Füßen und ließ sich kraulen. Während die Gemeinde betete, schritt er, die Nase nach unten gerichtet, am Sockel des Altars entlang, blickte zu der Frau, die vor dem Altar stand und in Schwarz gekleidet war. Sie lächelte ihn an. Er legte sich auf eine der mit Teppich bezogenen Stufen.

Nach dem Gottesdienst lockte ihn die Frau in ihr Auto. Am Sitz des Beifahrers stieg er ein. Zum Schutz hatte er sich schnell unter den Sitz verzogen. Dann fuhr sie los. Sie brachte ihn zu einem Haus, vor dem wieder Fremde auf ihn warteten. Sie trugen ihn ins Warme. Zu seinem Entsetzen wurde er gebadet, dann gab es das ersehnte Futter: Pansen aus der Dose. Er ließ es sich schmecken. Da war es endlich: sein Festmahl. Sicher hätte die Familie, die ihn bei sich aufgenommen hatte, behalten. Doch ein Anruf bei der Polizei führte den Dackel mit seinem Frauchen, die ihn an Heiligabend auf den Feldern noch lange gesuchte hatte und für die der 24. Dezember ohne ihren Hund ohne Weihnachtsfreude war, wieder zusammen. Froh und mit Tränen der Erleichterung in den Augen schloss sie ihn in ihre Arme. Das war ein Weihnachtstag mit happy end, eine echte, sich im vergangenen Jahr in unseren Kirchengemeinden ereignete Weihnachtsgeschichte.

Auch in der Weihnachtsgeschichte, die der Evangelist Lukas erzählt, kommen Menschen und Tiere zusammen, sie leben sogar auf engstem Raum miteinander. Als Jesus geboren ist, legt man ihn in eine Futterkrippe. Hirten mit ihren Herden kommen zum Stall und besuchen das Kind (Lukasevangelium, Kapitel 2, Verse 7 und 8). Ochs und Esel werden in vielen Abbildungen der Kunst ebenfalls an der Krippe dargestellt. In den Evangelien werden sie nicht erwähnt. Dennoch: Tiere gehören zur biblischen Weihnachtsgeschichte.

Wie schön ist es, dass auch auf dem Mantelteil unseres Gemeindebriefs Tiere vom neugeborenen Jesuskind mit offenenen Armen empfangen werden. Ja, Gott hat ein Herz für Tiere – nicht nur in der Weihnachtszeit. Möge Gott uns Christen diese Erkenntnis immer wieder durch Kopf und Herz gehen lassen!

Eine von weihnachtlicher Liebe und Freude erfüllte Zeit

wünscht Ihnen Ihre Gemeindepfarrerin