Vorwort Herbst 2018

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

es ist noch gar nicht lange her, da wussten die Menschen nicht, dass die Welt eine Kugel ist und dass sie zu einem Planetensystem gehört, dass der Mond um die Erde kreist und die Erde um die Sonne. Sie wussten nichts von Evolution, kannten keine Gene. Sie ahnten nicht, dass alle Materie aus den kleinsten Teilchen, den Atomen, besteht, und dass Wasser eine chemische Formel hat. Sie hatten noch nichts vom Urknall gehört, kannten nicht die Energie, die in allem wirkt.

Aber wie wir hatten sie das Bedürfnis, die Natur um sich herum und ihr eigenes Dasein zu erklären. Wer, wenn nicht Gott, konnte für diese wunderbare Welt verantwortlich sein. So entstanden die Schöpfungsgeschichten. Zwei von ihnen finden wir in der Bibel. Da gibt es die ältere Erzählung im Buch Genesis Kapitel 2, wo vom Garten Eden die Rede ist. Dort hinein hatte Gott den ersten Menschen, Adam, gestellt, und ihm Eva als Gefährtin gegeben, damit der Mensch nicht mehr alleine sei. Dann ist da die jüngere Überlieferung im Buch Genesis Kapitel 1, in der Gott die Welt innerhalb einer Woche erschaffen hat: Licht und Finsternis, Tag und Nacht, Himmel und Erde, Wasser und Land, Pflanzen, Tiere und Menschen, zuletzt den Sonntag für die Ruhe.

Bei der Reihenfolge der Schöpfungstage waren die Menschen erstaunlich dicht dran an dem, was später naturwissenschaftlich belegt worden ist. Aber die Schöpfungsgeschichte beinhaltet mehr als eine vorwissenschaftliche Erklärung. Sie zeigt Ehrfurcht vor Gott und vor dem Leben, vermittelt ein großes Staunen darüber, wie wunderbar und phantastisch die Erde ist – sowohl alles auf ihr ist, als auch um sie herum.

Wie wir hatten die Menschen damals alltägliche Sorgen und Nöte. Sie waren damit beschäftigt, ihre Familien zu ernähren und das Dasein zu bestehen. Der normale Landwirt oder Viehzüchter hatte keine Zeit, über die Wunder der Welt nachzudenken. Das meiste nahm er als gottgegebenen hin. Er hat es geglaubt, nicht hinterfragt.

Vielleicht haben die Menschen früher mehr gestaunt als heute. Wir wundern uns doch wenig, weil sich durch die moderne Wissenschaft vieles erklären lässt. Warum sollen wir staunen, wenn wir wissen, wie etwas funktioniert? Die Lebensweise des Schlammspringers, der Seitwärtsgang der Krebse, das Paarungsverhalten der Seepferdchen sind längst erforscht. Doch lässt sich nicht auch darüber staunen, wie merkwürdig und skurril, anmutig und ergreifend ihre Farben und Formen, Bewegungen und Töne, Verhaltensweisen und Kommunikationsmuster sind?

Max Planck soll einmal gesagt haben: „Für den gläubigen Menschen steht Gott am Anfang, für den Wissenschaftler am Ende aller Überlegungen.“ Das heißt: Gerade, wenn wir irgendwie begriffen haben, warum wir nicht von der Erde herunterfallen, obwohl sie rund ist, wenn wir wissen, welches Gen welches Erbgut enthält; gerade, wenn wir die Unendlichkeit des Alls mathematisch erfasst haben, kommen wir bei Gott als dem letzten Grund allen Seins an. Viele können gar nicht anders als zu staunen, weil all dies möglich ist und tatsächlich funktioniert. Das wiederum spornt Menschen an, weiter zu forschen und verstehen zu wollen.

Große Vorbilder des Staunens sind für mich die Kinder. Sie sind noch kein bisschen abgeklärt. Für sie ist es selbstverständlich, manches noch nicht zu verstehen. Allein aufgrund ihrer Größe haben sie einen ganz anderen Blickwinkel als wir Erwachsenen. Ein buntes Blatt auf dem Boden, eine winzige Ameise ist ihnen viel näher als uns. Und vieles sehen Kinder zum ersten Mal. Sie nehmen sich Zeit – manchmal zum Leidwesen ihrer ungeduldigen Eltern – Unbekanntes zu betrachten, es zu untersuchen und auszuprobieren.

Ich erinnere mich an einen Spaziergang mit einer Freundin und ihrer kleinen Tochter an einem Herbsttag im Wald. Die ersten Bucheckern waren gerade von den Bäumen gefallen. Wir kamen keine drei Meter weit. Schon nach den ersten Schritten hielt die Kleine an, bückte sich oder ging begeistert in die Hocke, deutete auf das, was sie vor sich sah, ergriff es mit ihren Fingern, hob es auf, drehte und wendete es nach allen Seiten, ließ es von einer in die andere Hand wandern, zeigte es mit großen Augen uns Erwachsenen, die milde lächelnd daneben standen, steckte es in ihre Jackentasche oder bewahrte es vorsichtig in ihrer kleinen Faust, um es wie einen Schatz behütet nach Hause zu tragen. Bei jedem Ding, das sie entdeckte und uns zeigte, formte sich der Mund zu einem Oval. Daraus erklang ein voller Freude und Bewunderung tönendes „Oh!“, gefolgt von einem Lachen.

Diese Folge des Entdeckens und Untersuchens, des Betrachtens und Staunens wiederholte sich bei allem, was sie fand: bei einem Stein, einem Blatt, einem Stock, einer Kastanie, Gras und Moos. An diesen Spaziergang – besser gesagt, an den Versuch spazieren zu gehen – erinnere ich mich gerne. Auch wenn er meine Geduld bis aufs Äußerste strapazierte, von der kleinen Naturforscherin habe ich viel gelernt. Zum einen lernte ich: Um staunen zu können, muss ich mir Zeit nehmen. Ich muss genau hinsehen und hinhören, mich einlassen auf das, was um mich herum ist und gerade geschieht, um es entdecken zu können. Oft ist es etwas Unerwartetes, Neues, das mein Erstaunen auslöst. Bewundern kann ich, was schön ist.

Wundern kann ich mich aber auch über das, was mir nicht gefällt. Erstaunt bin ich zum Beispiel, wenn ich höre, dass jemand ein Tier im Käfig in die pralle Sonne stellt und es dort verdursten lässt. Staunen kann ich über die, denen flüchtende Menschen auf dem Mittelmeer so egal sind, so dass sie sie ertrinken lassen. Meist löst dieses Denken, Reden und Handeln in mir aber nicht nur Staunen aus, sondern auch Wut, Empörung, Entsetzen, Frustration und Trauer.

Zum Staunen gehört doch meist ein beglückendes Gefühl. Wenn ich staune, dann blicke ich über meinen eigenen beschränkten Horizont hinaus. Ich kann mich über etwas Kleines freuen und fühle, dass es in einem größeren Sinnzusammenhang steht. Als Christin kann ich dahinter Gott glauben. Staunend besehe ich Gottes Schöpfung, die umso größer ist als ich – mehr als ich mir je erdenken und vorstellen, als ich berechnen und begreifen werde. Wenn Jesus sagt: „Werdet wie die Kinder!“ – dann heißt das auch: Lernt wieder das Staunen!

Liebe Leserin, lieber Leser, nehmen Sie sich für Ihre Entdeckungstouren Zeit! Sie werden merken, wie beglückend und bereichernd es sein kann, sich im Moment eines Augenblicks über das Unscheinbare wie über die ganze Schöpfung zu freuen. Ein vom Atem Gottes erfüllter Geist lasse Sie aufmerksam hinsehen und hinhören, damit Sie etwas Unerwartetes für sich entdecken, das Sie froh macht und staunend!

 

Es grüßt Sie herzlich Ihre Gemeindepfarrerin