Vorwort Frühling 2018

Neulich beim Frisör: Ich sah in den Spiegel – nachdenklich, kritisch, mit ernstem Blick. „Gefällt es ihnen nicht?“ fragte die Frisörin. „Doch, schon“, sagte ich. „Sieht schön aus.“ Dann fügte ich hinzu: „Aber irgendwann komme ich zu ihnen und will meine Haare getönt haben. Das Grau wird mir vielleicht doch zu viel.“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich glaube, solche Situationen des Alt-Werdens kennen viele. Nicht die Jugendlichen und Kinder, die haben das Altern noch vor sich. Aber schon, wenn wir über 40 sind, merken wir, dass manches nicht mehr so geht wie früher, dass einiges anders wird in unserer Leistungskraft, an unserem Körper. Zipperlein entstehen. Mal ist es der Rücken. Mal sind es die Knie. Wir können uns weniger merken, schlechter konzentrieren. Vor allem werden wir eher müde, brauchen mehr Schlaf.

Ich weiß noch, wie ich nach dem Abitur mit meinen Mitschülerinnen die Nacht durchgemacht habe, das Lehrerzimmer für den Abi-Streich dekoriert und am nächsten Morgen im Schulhof gefeiert. Heute würde ich nachts schlapp machen, bräuchte irgendwann ein Bett und am liebsten acht Stunden Schlaf, um für den nächsten Tag fit zu sein. Sicher ginge vielen so ähnlich. Allerdings ist Müdigkeit nicht nur eine Sache des Alters. Einige Jugendliche haben mir neulich erzählt, wie schwer es ihnen fällt, morgens früh aufzustehen. Nachts hätten sie Kraft und Elan. Da könnte es gerne spät werden. Morgens aber kämen sie ohne Wecker nicht aus dem Bett. Und selbst mit Wecker fiele es ihnen schwer.

Es gibt diese Müdigkeit des Körpers, die viele von uns kennen, auch die, die nachts keinen Schlaf finden, weil eine Sorge sie quält, die sich hin und her wälzen in ihrem Bett und am nächsten Tag wie gerädert sind. Es gibt aber auch eine Müdigkeit der Seele. Von dieser Seelenmüdigkeit sprechen wir, wenn einer nicht mehr aufstehen will, am liebsten die Decke über den Kopf zieht und nichts mehr wissen möchte von der Welt. Auch das kann's geben, dass nicht nur der Körper müde und ausgepowert ist, ausgebrannt, kraftlos, leer, sondern auch die Seele. Wenn wir uns schlapp und hilflos fühlen. Wenn nichts und niemand einen mehr froh macht.

Die Dichterin Elfriede Gerstel aus Wien hat über so eine Situation geschrieben:

„aufstehwillig“
gleich geh ich unter die dusche
gleich koche ich den tee
vielleicht vorher die zeitung hereinholen
vielleicht die zeitung aufs klo mitnehmen
esse besser später
zähne später
erst einmal aufstehen
erst einmal aus dem traum finden
erst einmal aus dem raum finden
hoffentlich hat niemand angerufen
horch ich halt ins gerät
hoffentlich ruft niemand an
gleich steh ich auf
und geh unter die dusche

 

„Lebensmüdigkeit“ hätte der Titel auch lauten können. Ja, das Leben macht müde. Auf der Arbeit ist es der Druck, dem viele ausgesetzt sind, den sie tagtäglich erleben. Zuhause ist es der Stress mit dem Partner, der Partnerin oder Streit in der Familie. In der Schule ist es die Angst zu versagen, nicht die erwarteten Noten nach Hause zu bringen, in der Klausur etwas nicht zu wissen, bei den Prüfungen durchzufallen. Bei Senioren ist es die Angst vor Einsamkeit, erleben zu müssen, dass das Alter sie immer mehr einschränkt, dass der Aktionsradius sich verkleinert, jeder Handgriff mehr Zeit braucht als früher. Bei den schwer Erkrankten ist es die Angst, keine Heilung zu finden, dass es  womöglich keinen Ausweg mehr gibt, Furcht vor Schmerzen, Furcht davor, dass einer im Sterben allein gelassen wird. 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

angesichts dieser Ängste und mancher Leiden möchte ich Ihnen von einem Menschen erzählen, dessen Geschichte nicht in der Bibel steht. Es ist jemand aus unserer Zeit, er könnte überall wohnen. Dieser Mensch heißt Britta. Sie ist eine fast noch junge Frau mit einem Alltag ohne Lücken. Alles ist darin eng getaktet und manches vorgegeben: Arbeit und Haushalt, Besorgungen und Verpflichtungen, ihre beiden kleinen Kinder, die immer etwas brauchen und von ihr wollen, und dann das ein oder andere Ehrenamt, das sie übernommen hat, wie der Elternbeirat im Kindergarten. Manches hakt auch in ihrem Leben. Beruflich bleibt es ungesichert. In ihrer Beziehung läuft nicht alles rund. Müde sieht sie aus und angegriffen. Sie spürt selbst, wie aufreibend das Ganze ist. Ihr Jüngster hat Diabetes. Hinzu kommen die alltäglichen Sorgen. Ihre Bekannten reagieren mit guten, jedenfalls gut gemeinten Ratschlägen. Sie sagen, dass sie sich entlasten müsse, dass sie etwas tun müsse für sich, am besten ausspannen. Sie zuckt die Achseln. Ja, das wäre schön, wenn sie das mal könnte.

Von außen ist alles, was zu sehen ist, schwer und Last. Britta zu begegnen aber ist anders. Ihre Freundin sagt: „Immer, wenn ich mit ihr zu tun habe, spüre ich eine große Kraft, so etwas wie eine innere Ruhe. Ja, Britta ist müde. Aber sie wirkt nicht müde, wenn man sich eingehender mit ihr befasst. Wenn ich bei ihr war, bin ich danach fast jedes Mal beschwingt, manchmal nachdenklich, aber nie deprimiert. Dass sie so auf mich wirkt, das hat damit zu tun, wie sie die Dinge ansieht, wie sie Menschen ansieht und vor allem ihr Leben. Sie kann sagen: „Dieser Tag war schlimm.“ Und später kann sie sagen: „Alles ist gut, wie es ist.“ Beides meint sie, wie sie es sagt. Und beides stimmt. Sie kann Sätze sagen wie: „Ich merke, dass ich älter werde. Aber das Alter ist mein Gewinn. Es hilft mir, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren, gelassener zu sein als früher. Mit dem Alter kommt die Weisheit, die Erfahrung und die Routine.“ Ihre Freundin sagt: „Mit Britta wird mir leicht und weh zugleich ums Herz.“

Dieses Weh und Leicht zugleich hat der Apostel Paulus in einem Brief beschrieben. In seinem Brief an die Christen in Korinth, Kap. 4 schreibt er:

„Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.“

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

auch Paulus hat in seinem Dasein, in seiner Tätigkeit als Apostel viel Licht, aber auch viele Schattenseiten erlebt. In Korinth hat er die Gemeinde gegründet,  hielt Kontakt zu ihr – vor allem durch seine Briefe, hat sie auf seinen Reisen besucht. Dennoch musste er erfahren, dass die Gemeinde sich von ihm entfremdete. Andere Missionare kamen und hatte eine andere christliche Lehre im Gepäck. Sie waren gute Redner, geschult in Rethorik. Ihnen liefen die Leute nach, ihrer Botschaft hingen sie an. Paulus dagegen wirkte bei seinem Auftreten eher unsicher und kläglich. Er hatte einen Sprachfehler, hat gelispelt oder gestottert. So genau wissen wir es nicht. In einem seiner Briefe erwähnt er es nur am Rande. Außerdem war er klein von Gestalt, gedrungen, schien nach außen wenig imposant. Paulus war mit Sicherheit kein Hingucker, kein Publikumsmagnet.

Die fremden Missionare wussten, wie man die Blicke der Leute auf sich zieht.

Neben ihren geschliffenen Reden taten sie äußere Zeichen und Wunder. Paulus warfen sie vor, ein Lügner zu sein. Er hätte nicht den Geist Gottes, nicht denselben Espri, sonst hätte er ja Wunder bewirkt wie sie. Er sei ein Scharlatan, ein Aufschneider. Viele hielten diesen Vorwurf für wahr. Sie glaubten, was die Fremden sagten, wendeten sich von Paulus ab. Das zu erfahren, hat Paulus sicher weh getan. Mehr noch: Es hat ihn tief verwundet. Seine Gemeinde, die ihm so sehr am Herzen lag, entfernte sich von ihm, verwarf ihn als Apostel, stellte seine Mission in Frage, lief plötzlich andren Lehrern nach.

Manch einer wird es dem Apostel nachfühlen: Eltern, zum Beispiel. Die wissen, wie es ist, wenn Kinder, die sie erzogen haben, um die sie sich gekümmert haben, für die sie Tag und Nacht da gewesen sind, sich plötzlich von den Eltern abwenden und eigene Wege gehen, Wege, von denen die Eltern glauben oder gar wissen, dass darunter Abwege sind, Pfade, die nicht gut enden können für ihr Kind. Aber alles Zureden stößt auf Widerspruch, alles Warnen bleibt vergeblich, wird spöttisch abgetan und dann abgelehnt. Wenn Eltern und Kinder sich mehr und mehr entfremden, getrennte Wege gehen. Ähnlich ergeht es dem Apostel mit seiner Gemeinde in Korinth. Aber Paulus gibt nicht auf. Er ist mit seiner Hoffnung nicht am Ende. Im Gegenteil. Er weiß: Äußerlichkeiten sind nicht alles. Was sichtbar ist, ist vergänglich und begrenzt. Auch die Zeichen und Wunder der anderen Missionare, auch die Wirkung, die von diesen Menschen ausgeht. Was beschwert, hat eines Tages ein Ende. Es wird ausgeglichen durch die ewige Herrlichkeit Gottes.

Manch einer mag denken, dass Paulus sich mit diesen Gedanken vertröstet ganz im eschatologischen Sinn auf ein besseres Jenseits hin. Doch das wäre für den Apostel ein zu billiger, naiver Trost – so nach dem Motto: „Später einmal wird alles besser“. Paulus weiß: Wenn das Sichtbare so unwichtig wäre, wäre Gott nicht Mensch geworden; dann hätte er sich nicht in Jesus Christus offenbart.

Der Apostel wertet das Sichtbare, wertet Leiden und Trübsal nicht ab. Er nimmt sie ernst, hält sie aus, läuft nicht davon. Aber er weiß: Es gibt noch eine andere gewichtige Seite. Paulus glaubt an eine weitere Dimension. Er blickt auf das Unsichtbare, Innere, Unvergängliche, die ewige Herrlichkeit Gottes. Kraft dieses Vertrauens findet er eine andere Sicht auf die Welt, einen leichteren Umgang mit sich und mit dem, was hier und jetzt gerade ist, was er an Druck und an Müdigkeit auszuhalten hat. Er sieht neben dem Leid die Erlösung, neben dem Dunkel das Licht, neben der Trauer die Freude, hinter dem Tod das Leben. Das ist Ostern: sich dem anzuvertrauen und in dessen Hände zu geben, der Jesus Christus vom Tod auferweckt hat.

Gott macht das Leiden der Welt nicht ungeschehen, aber er relativiert es, indem er uns einen Mächtigeren zur Seite stellt. In Jesus Christus wird der Tod besiegt, wird alles Leid überwunden, werden Menschen im Blick auf ihn frei von Sorgen und Furcht. Das Unsichtbare ist durch Jesus Christus sichtbar geworden, sichtbar und spürbar ist mit ihm Gott in der Welt. Es ist vor allem die Liebe Gottes, an der Paulus sich orientiert, die ihm Kraft gibt, seine Gemeinde nicht fallen sich lassen, sich nicht frustriert von ihr abzuwenden, sondern an ihr dran zu bleiben, sich weiter abzumühen und um sie zu werben wie ein Vater um sein Kind.

Auf die unsichtbare ewige Herrlichkeit Gottes lebt der Apostel dennoch hin. Letztlich ist und bleibt sie sein Ziel. Aber ihre Spuren sieht er schon heute und hier. In jeder Hoffnung, in jeder Liebe blitzt sie auf. Insofern ist der Apostel, ist auch Britta, von der ich Ihnen erzählte, für uns und andere ein Hoffnungsträger. Sie tragen die Hoffnung und geben sie weiter, weil mit ihnen eine Kraft sichtbar wird, die Menschen sich nicht erklären können, die Menschen wie Paulus und Britta aber zufließt, die uns zufließt, und die uns jeden Tag erneuert, so dass wir nicht aufgeben, sondern leben. 

Auch das Kreuz trägt für uns Christen die Hoffnung. Äußerlich betrachtet ist es ein furchtbares Mordinstrument, das Zeichen einer grausamen Folter, eines unbarmherzigen qualvollen Sterbens. An Karfreitag hält Gott Leiden und Sterben aus. Er wischt sie nicht weg, macht sie nicht weniger noch ungeschehen, aber er wiegt sie auf. Auf Karfreitag folgt Ostern, die Auferweckung unseres Herrn. Deshalb sehen wir Christen das Kreuz und schauen auch die ewige Herrlichkeit Gottes, seine Liebe, sein Licht, den Ausblick auf eine neue Welt, in die Gott uns mitnimmt. Mit Jesus Christus ist uns diese Aussicht gegeben, ist sie wahr geworden in ihm. In Christus leuchtet Gottes Gegenwart in unser Leben. Wo sie aufblitzt, da spüren wir, wie geliebt und kraftvoll wir sind, da erkennen wir das Leben in seiner ganzen Fülle, staunen, sind dankbar und loben Gott dafür. Leiden und Trauer haben ein Ende. Tod und Trübsal sind begrenzt. Bewahren wir diesen Ausblick in unserem Herzen!  Gott ist es, der in uns wirkt und der uns belebt!

Eine herrliche, von Licht durchflutete und Hoffnungszeichen erfüllte Zeit wünscht Ihnen Anja Krollmann, Pfarrerin