Vorwort Sommer 2016

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Leichtigkeit des Seins kann einem abhanden kommen, wenn der Alltag uns im Griff hat, wenn Termindruck auf uns lastet, die Fülle dessen, was getan werden muss, uns zu schaffen macht, wenn wir mit einer Kollegin, einem Kollegen nicht gut auskommen oder der eigene Anspruch unsere Kapazitäten übersteigt. Wie schnell kann aus Forderung Überforderung werden, zumal, wenn nach getaner Arbeit Zuhause ein Berg unerledigter Aufgaben auf uns wartet. Selten lässt der Alltag uns Zeit, sich zu entspannen. Die Wochenenden bieten kaum Gelegenheit, je nachdem welche Verpflichtungen wir haben.

Wie gut, wenn kleine Inseln sich auftun: Unterbrechungen im Alltag, bei denen wir rasten, wenn wir zum Beispiel aus dem Fenster schauen, den Blick in die Ferne schweifen lassen. Wie gerne sehe ich das frische Grün im Garten, die majestätisch hohen Bäume, die Felder, Wiesen, Koppeln der Pferde. Oft zieht mein Blick in den Himmel. Wenn er blau ist, suche ich darin die Wolken. Um weiter zu kommen, müssen sie nichts tun. Sie brauchen sich nur dem Wind zu überlassen, sind ein Spielball der Natur. Gerne schaue ich den Flugzeugen nach, überlege, wo sie hinfliegen. Am liebsten möchte ich mitreisen. Gedanklich bin ich dabei.

Um aufzuatmen, ist es gut, solche Inseln zu suchen und zu finden. Um wirklich zu Atem zu kommen, braucht es mehr Zeit. Viele von uns kennen die Sehnsucht nach Freiheit, den Wunsch nach Weite, um aus der Enge des Alltags heraus zu kommen. Viele werden diesen Sommer verreisen: zum Wandern in die Berge oder zum Schwimmen ans Meer. Ruhe finden, Kraft schöpfen, Landschaft genießen, Zeit für sich haben und für andere, für die Familie da sein, sich bewusst dem Partner zuwenden, Freunde besuchen, Beziehungen pflegen – gut, wenn wir uns Zeit dafür nehmen, Auszeit vom Alltag.

Eine Auszeit nimmt sich in diesem Jahr auch die Pfarrerin. In unserer Landeskirche ist es üblich, dass Pfarrerinnen und Pfarrer die Möglichkeit haben, für ein Vierteljahr in Studienurlaub zu gehen. Dieser Urlaub wird nur alle zehn Jahre gewährt. Für 2016 habe ich ihn beantragt, und er wurde bewilligt. Von August bis Oktober werde ich nicht als Pfarrerin im Kettenheimer Grund tätig sein, diese Aufgabe übernehmen die Kolleginnen und Kollegen des Ev. Dekanats Alzey. Wenn ein Sterbefall eintritt oder jemand ein Seelsorgegespräch sucht, gibt es also Ansprechpartner. Wer zu welcher Zeit Vertretung übernimmt, ist im Gemeindebrief abgedruckt. Die Telefonnummer des jeweiligen Seelsorgers wird auf dem Anrufbeantworter im Kettenheimer Pfarramt angesagt. Die Kirchenvorstehenden haben entsprechende Listen bekommen, auch das Dekanatsbüro und die Bestatter in Alzey wissen Bescheid.

Gottesdienste werden von Annelie Wiehler (Prädikantin in Freimersheim) und Helmut Fetzer (Leiter der Ev. Regionalverwaltung Alzey) gestaltet. Den Vorsitz der Kirchenvorstände und die Geschäftsführung der Kirchengemeinden haben während der Studienzeit die stellvertretenden Vorsitzenden. Das sind in Esselborn Berthold Unger, Freimersheim Michaela Glöckner, Kettenheim Heike Butz und Wahlheim Carolin Prisot-Nuß. Ihre Telefonnummern finden sich im Impressum des Gemeindebriefs.

Gemeindeglieder und Angestellte der Kirchengemeinden wenden sich, wenn es um eine verwaltungstechnische Angelegenheit geht, von August bis Oktober bitte an die stellvertretenden Vorsitzenden der Kirchenvorstände. Das Pfarrbüro ist donnerstags von 8-13 Uhr durch unsere Sekretärin, Beate Fell, besetzt. Wer eine Taufbescheinigung oder einen Patenschein benötigt, kann sich weiterhin vertrauensvoll an sie wenden.

Wie das Wort „Studienzeit“ sagt, ist ein Pfarrer, eine Pfarrerin während dieser Zeit nicht ganz untätig. Das Ziel des Studienurlaubs ist, sich eingehender mit einem Thema zu befassen, für das im normalen Alltag keine Zeit bleibt. Dieses Thema kann theologisch oder anderer Art sein und soll dem, der Studienurlaub hat, sowie den Kirchengemeinden zugute kommen.

Während meines Theologiestudiums hatte ich mich mit Systemischer Seelsorge beschäftigt und darüber mein mündliches Examen in Praktischer Theologie abgelegt. Systemik ist eine Form der Psychologie, kommt aber eigentlich aus der Physik. In der Physik bezeichnet man einen geschlossenen Kreislauf als System. Systemik ist die Theorie von geschlossenen Kreisläufen. In den 80-er Jahren hat man diese Theorie auf Menschen übertragen. Daraus folgte die Systemische Psychologie. Sie wurde in die Seelsorge übernommen.

Jede Schulklasse, jeder Kirchenvorstand, alle Pfarrerinnen und Pfarrer eines Dekanats sind ein System, eine in sich geschlossene Gruppe. Verändert sich einer in dem System, verändert sich die ganze Gruppe. Das ist wie in einem Mobile. Mit Hilfe der Systemik können wir uns Veränderungen einer Gruppe bewusst machen. Wir können sie gezielt herbeiführen und bearbeiten. Systeme und deren Dynamik kann man in der Psychologie sichtbar machen. Das geschieht zum Beispiel in der Familienaufstellung.

Um die Systemik nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis kennen zu lernen, werde ich verschiedene Hospitationen machen. Unter anderem werde ich die Familienaufstellung als therapeutisches Mittel in einer Klinik in Daun miterleben und in der Paar- und Familienberatung des Diakonischen Werkes in Worms. Um zu sehen, wie Systemik in der Gemeindeleitung und im Gemeindeaufbau angewandt wird, werde ich das Zentrum für Gemeindeberatung und Organisationsentwicklung unserer Landeskirche, genannt IPOS besuchen, um dann, Ende Oktober, mit neuen Erkenntnissen und Ideen im Gepäck wieder in die Gemeinden zu kommen.

Bis es aber so weit ist, werden noch viele Gemeindeaktivitäten auf uns warten, bei denen wir uns begegnen können: Vielleicht sehen wir uns beim Rheinland-Pfalz-Tag, der vom 3. bis 5. Juni in Alzey stattfindet, wo in der Nikolaikirche zahlreiche Veranstaltungen, Konzerte und Lichtshows sein werden. Das Programm finden Sie in diesem Gemeindebrief. Oder wir treffen uns in der Kleinen Kirche, die als Ort der Ruhe und Entspannung, wie eine kleine Insel im Trubel, als Garten Eden gestaltet sein wird. Die Pfarrerinnen und Pfarrer des Ev. Dekanats werden in beiden Kirchen während des Rheinland-Pfalz-Tags als Seelsorger in beiden Kirchen Sonderdienste tun.

Ganz sicher sehen wir uns beim Gemeindefest, das am 19. Juni (bei gutem Wetter im Pfarrgarten in Kettenheim, bei schlechtem Wetter in Wahlheim in Kirche und Gemeindehaus) stattfindet. Die Jüngeren sind herzlich beim Dekanatskinderkirchentag am 9. Juli in Bechtolsheim willkommen, den ich als Dekanatsbeauftragte für Kindergottesdienst mitgestalten werde und wo auch unser KiGo-Team helfend dabei sein wird. Vielleicht sehen wir uns in einem der Gottesdienste, der eine Auszeit vom Alltag für Sie bietet. Wo immer der Weg Sie hinführt, seien Sie von Gott behütet. Und bis wir uns wieder sehen, halte Gott Sie fest in seiner Hand!

Das wünscht Ihnen Ihre Gemeindepfarrerin