Vorwort Frühjahr 2013
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
„Wir haben hier keine bleibende Stadt,
sondern die zukünftige suchen wir.“
So lautet die Losung für das Jahr 2013.
Sie steht im Brief an die Hebräer,
Kapitel 13, Vers 14.
Suchen ist in diesem Zusammenhang als ein ganzheitliches Hinwenden, Sich-Ausrichten, Orientieren gemeint. Auch wenn wir uns in dieser Welt eingerichtet haben mit Familie, Freunden, Haus, Auto, Arbeit, Freizeit: Nichts, von dem, was hier ist, bleibt: Häuser zerfallen, Brücken stürzen ein, alles, was lebt, ist nur auf Zeit. Die Frage ist: Was bleibt? Was überdauert die Zeit?
Manche versuchen sich, in dieser Welt einen Namen zu ma-chen, unvergesslich zu sein. Deutschland sucht den Superstar, andere wollen Dschungelkönig sein, einige lassen sich in den Weltraum befördern, um von dort herunter zu springen, nur um berühmt zu sein. Menschen, die sich an Christus halten, wählen einen anderen Weg. Sie orientieren sich an Gottes Reich. So schreibt der Apostel Paulus in seinem 2. Brief an die Korinther, Kapitel 5:
„Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel.
Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet wer-den, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohl gefallen. Denn wir müs-sen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Leb-zeiten, es sei gut oder böse.“
Auf diese Worte hin haben vor allem Menschen im frühen Christentum und im Mittelalter versucht, ihren Körper abzutö-ten, fleischlichen Genüssen fernzubleiben, körperlichen Be-dürfnissen zu entsagen. Sie haben gefastet, sich selbst kasteit; einige haben sogar nicht mehr geschlafen. Sie taten alles, um möglichst bald bei Gott sein. Darum haben sie sich vom Dies-seits abgewandt, das Leben total entwertet.
Demgegenüber steht alles, was dieses Leben gut macht und schön. Sollte Gott sich etwa nichts dabei gedacht haben, als er dem Menschen das Lachen schenkte, die Freude an der Schöp-fung, die Schönheit der Natur, Liebe, Zuneigung, Sexualität? Ich glaube, Gott will nicht, dass wir uns von all dem abwenden, dass wir wegsehen, wenn Tau in der Sonne funkelt, weghören, wenn ein Vogel singt, Freude nicht spüren, Liebe nicht schen-ken. Diese Welt hat ihren Reiz. Dieses Leben hat seinen Wert!
Auch Jesus hat gegessen und getrunken, saß mit Menschen zusammen, hat mit ihnen gefeiert wie auf der Hochzeit zu Kana. Gott will nicht, dass wir den Körper abtöten. Jedoch zeigt er durch Paulus: Das Hier und Jetzt ist nicht alles! Alles, was wir haben, alles, was wir machen, ist nur auf Zeit. Darum heißt es: Carpe diem, nutze den Tag. Nutze die Gelegenheit – auch die Gelegenheit dazu, Gutes zu tun, Menschen zu helfen, zu lieben, zu versöhnen und zu trösten. „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder sei-nen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.“
Allerdings haben Geistliche, Ordensleute und Pfarrer, bis vor einem Jahrhundert auch was anderes gepredigt. Sie haben Pau-lus zitiert und gesagt: In diesem Leben entscheidet sich – und das sei der einzige Sinn unseres Daseins – wie es uns im Jen-seits geht. Also sollten Menschen schön brav sein, zu allem Ja und Amen sagen. Letztendlich sollten sie die Welt sein lassen wie sie ist. Findige Päpste haben noch mit Fegefeuer gedroht, den Ablasshandel erfunden, Reliquienkauf, Pilger- und Wall-fahrtswesen gefördert.
Das haben wiederum andere ihnen zum Vorwurf gemacht. Martin Luther hat bekanntermaßen das Ablasswesen kritisiert. An den gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit wollte auch er nichts ändern. Die seien gottgewollt und gottgegeben. Jeder bleibe in dem Stand, in den er geboren worden ist.
Beim Bauernkrieg 1525, dem Aufstand der Unterdrückten ge-gen die Obrigkeit, gegen überhöhte Abgaben und Leibeigen-schaft ist Luther auf der Seite der Fürsten gewesen. In seiner Schrift „Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“ ruft er die Fürsten zur Vernichtung der Bauernschaft auf. Da sorgt er sich um die von Gott eingesetzte Obrigkeit. Auch ein Reformator kann in mancher Hinsicht fehlgehen und irren. Die Fürsten siegten, die Bauern blieben unterdrückt. Die Leibeigenschaft dauerte bis ins 19. Jahrhundert.
Karl Marx hat die Kirche dafür heftig kritisiert. In seinem kom-munistischen Manifest schreibt er, Kirche und Religion stabili-sieren die bestehenden sozial ungleichen Verhältnisse. Indem sie auf das Jenseits verweisen, unterstützen sie die Ungerech-tigkeit der Welt. Seine Kritik ist nicht von der Hand zu weisen.
Viele Christen und Kirchen heute suchen nach Wegen der Ge-rechtigkeit. Sie wollen die Wahrung der Menschenwürde und fordern Gleichberechtigung. Deshalb setzen sie sich für Min-destlohn und für gerechte Löhne ein. Der Satz der Jahreslosung soll ganz gewiss keine Vertröstung sein. Er kann aber Trost geben. Das Hier und Jetzt ist nicht alles. Nichts von dem, was Menschen machen, bleibt. Missstände wird es nicht für immer geben. Dennoch dürfen wir sie nicht hinnehmen!
Zuletzt kann die Jahreslosung eine Ermahnung sein. Sie mahnt dazu, das Leben nicht nur einseitig als Durchgangsstation zu begreifen. Wer das Leben als Durchgangsstation sieht, der wird alles Vergängliche als wertlos ablehnen. Wer das Leben als wertlos ablehnt, der verpasst die Chance, Lebensräume zu ge-stalten, die Situation von Menschen zu verändern. Wer nicht nach Gerechtigkeit sucht, erfüllt nicht Gottes Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (3. Buch Mose, Kapitel 19, Vers 18).
An einem Beispiel hat Jesus diesen Satz deutlich gemacht: „Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.“ (Lukasevangelium, Kapitel 3, Vers 11). Wie schwer es fällt, vom Wohlstand abzugeben, Reichtum zu teilen, wissen die meisten. Dennoch: Lasst es uns immer wieder versuchen, auch wenn wir scheitern! Gott hat uns eine Vielzahl an Gaben geschenkt, damit wir die Welt nicht sein lassen wie sie ist. Bauen wir mit an Gottes Reich! Sorgen wir schon jetzt für Frieden und Gerechtigkeit!
Wer hingegen meint, bei der Suche nach Gerechtigkeit allein auf sich gestellt zu sein, wer keine Verantwortung abgibt, der wird sich selbst überfordern, viel Kraft verlieren und scheitern. Wer alles aus sich heraus tut, das Leben nur einseitig diesseitig sieht, der kommt ins Burnout. Die Jahreslosung schützt uns da-vor, alle Kraft aus uns heraus zu nehmen, alles selbst leisten zu müssen. Unser Leben muss nicht perfekt sein. Ob Leben ge-lingt, hängt nicht nur von uns ab. Wir sind nur ein Teil des Ganzen. Der andere größere Teil ist Gott. Ob Leben gelingt, liegt in seiner Hand.
Das ist wie beim Aufgehen einer Saat: Wir können noch so viel auf den Feldern schaffen, im Garten ackern, ob die Saat auf-geht, liegt außerhalb unseres Einflusses. Da braucht es Regen und Sonne im richtigen Verhältnis, guten Boden und Zeit. Letztlich haben wir das Aufgehen der Körner, das Wachsen der Pflanzen nicht in der Hand. Gott ist für das Entstehen und Bewahren des Lebens verantwortlich. Wir sind entlastet. Auch daran erinnert der Text: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Auf der Suche nach dem, was bleibt, gehören Christen zum wandernden Gottesvolk, wandern wir mit Israel durch die Zeit.
Im Alten Testament wird viel vom Wandern erzählt. Da ist die Geschichte von Abraham, der von Ur in Chaldäa nach Kanaan zieht, in ein „Land, darin Milch und Honig fließt“ (2. Buch Mose, Kapitel 3, Vers 8 und weitere). Dieses Land hat Gott ihm verheißen. Abraham vertraut Gott und macht sich auf den Weg. Tatsächlich kommt er in Kanaan an. Auch Mose zieht aus. Von Ägypten macht er sich auf, Israel die Freiheit zu brin-gen. In der Wüste erlebt er, dass Gott sie führt, dass er sich um sein Volk kümmert. Gott gibt den Wanderern Manna und Wachteln zu essen, stillt ihren Durst mit Wasser aus einem Felsen. Das Gottesvolk kommt in Israel an.
Auch später, zur Zeit der Perser, wandert es wieder. Menschen reisen aus Babylon aus, verlassen das Exil, kommen ins Land ihrer Vorfahren, siedeln sich in Jerusalem und anderen Orten an. Immer wieder ist Gottes Volk unterwegs. Nie hat es eine beständige Bleibe. Auch später nicht, als das Alte Testament endet. Israel flieht vor den Nazis, gründet nach dem Holocaust seinen politischen Staat. Doch auch hier ist keine Bleibe. Noch immer sucht Israel. Seit Jahren sucht es nach einem Weg, wie es mit Palästinensern friedlich zusammen leben kann. Auch die Palästinenser haben das Recht auf ein menschenwürdiges Leben, ohne dass Israel um sie herum eine Mauer zieht, um sie von Grundversorgung und Wohlstand abzuschneiden.
Auch in unserer Zeit sind Menschen unterwegs, auf der Flucht, im Exil, ohne Heimat. Geben wir ihnen einen Ort, an dem sie gerne sind, eine Gemeinschaft, in der wir sie willkommen hei-ßen. Seien wir eine einladende Gemeinde! Wo Menschen im Namen Gottes versammelt sind, ist Gott. Wo Gott ist, haben Menschen Heimat. Machen wir uns auf die Suche nach ihm, gehen wir in die Begegnung mit anderen Suchenden hinein!
Es grüßt Sie herzlich Ihre Gemeindepfarrerin
Wir haben hier
keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Hebräer 13,14