Vorwort Sommer 2013

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

am Himmelfahrtstag war ich in der Rheinhessenfachklinik, um dort mit Christen aus Alzey, Albig, dem Kettenheimer Grund und Patienten gemeinsam Gottesdienst zu feiern.

Das Wetter war schön, darum fand der Gottesdienst draußen vor der Kapelle statt. Während der Predigt stand eine Frau eine Reihe vor mir auf, ging ein paar Schritte über die Wiese, dann bückte sie sich und begann, Gänseblümchen und Löwenzahn zu pflücken und zu einem Strauß zu sammeln. Als sie eine Menge in ihrer Hand zusammen hatte, setzte sie sich mit ihrem Strauß auf die Treppe der Kapelle. Sie sah sehr zufrieden aus.

Erst wunderte ich mich über das Verhalten der Frau, dann begriff ich: Das war eine Patientin. Mein Kollege, der Seelsorger der Klinik, hatte mir öfter von solchen Begebenheiten erzählt, dass Patienten während des Gottesdienstes aufstehen, in der Kapelle herumgehen oder sie verlassen.

Einige Zeit später während des Himmelfahrtsgottesdienstes stand ein Mann auf. Auch er ging über die Wiese, gesellte sich zu der Frau, blieb bei ihr stehen, redete mit ihr, dann nahm er eine Schachtel aus seiner Jacke, zündete sich eine Zigarette an und rauchte. Weitere Menschen kamen. Es waren Patienten, die nicht beim Gottesdienst waren. Vielleicht hatten sie einen Spaziergang gemacht oder wollten Bekannte besuchen. Auch sie setzten oder stellten sich zu dem Mann und der Frau. Eine Gruppe entstand, eine Gemeinschaft gegenüber der Gottesdienstgemeinde. Die Menschen an der Treppe unterhielten sich leise, sie waren nicht zu hören und haben mich nicht gestört.

Zuvor aber, als ich der Frau, die den Gottesdienst verlassen hatte, um Blumen zu pflücken, zusah, kam mir ein Satz in den Sinn: „Das macht man doch nicht.“ Aber dann musste ich weiterdenken: Wer sagt das eigentlich? Die Gesellschaft, Erzieherinnen im Kindergarten, Lehrer in der Schule, Eltern Zuhause. Sie alle beziehen sich auf Konventionen, denen Menschen unterworfen werden, Regeln, die unser Verhalten formen, unsere Gesellschaft bestimmen. Die Patienten auf der Treppe ließen sich von solchen Regeln nicht mehr hemmen. Konventionen galten für sie nicht, oder sie haben sie nicht länger akzeptiert. Diese Menschen waren frei von Normen. War ihre Krankheit die Freiheit davon?

Ich musste daran denken, wie oft solche Sätze klingen: „Das macht man aber nicht!“ Wie einengend sie sind. Schon als Kind werden wir solchen Normen unterworfen. Auch ich habe mich durch sie fixiert. Sicher, manche Regeln sind wichtig, wir brauchen sie, weil sie für das Zusammenleben notwendig sind. Jemand anderen zu beleidigen, zu schädigen, zu töten, ist falsch. Niemand will, dass ihm Böses geschieht, also soll er auch anderen gegenüber sich entsprechend verhalten. „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“

Oder wie Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“

So steht es im Matthäusevangelium, Kapitel 19, Vers 19.

Aber aufstehen und beim Gottesdienst raus gehen, weil mir nach Blumenpflücken zumute ist? Warum eigentlich nicht? „Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ schreibt Paulus im Galaterbrief, Kapitel 5, Vers 1. Er bezieht sich dabei auf ein konkretes Gebot. Es geht um die geschlechtliche Beschneidung von Männern. Paulus schreibt, Christen brauchen nicht beschnitten zu sein, vor allem nicht, wenn sie nicht aus dem Judentum stammen. Christus hat zur Freiheit befreit. Das heißt, er macht von Konventionen frei!

Also darf ich mein Büro verlassen, wenn draußen die Sonne scheint, und das Liegengebliebene erst später nacharbeiten. Und wenn ich mit anderen lieber auf einer Treppe sitzend ins Gespräch komme, anstatt Gottesdienst zu feiern, dann bin ich dazu frei. Wie schön ist es, wenn Menschen überhaupt Zeit füreinander finden. Die Patienten in der Rheinhessenfachklinik hatten Zeit. Keiner musste eilig weiter. Sie alle hatten auch das Interesse, beieinander zu sein, beim anderen stehen zu bleiben oder sich zu ihm zu setzen, zuzuhören und zu erzählen, sich gegenseitig Gesellschaft zu leisten. Der Gottesdienst auf der Wiese ging derweil weiter.

Einige Zeit später stand ein Mann auf. Er kam aus der Gottesdienstgemeinde, ging zur Gruppe, redete er mit ihr, die Versammlung auf der Treppe löste sich auf. Dann kehrte der Mann zurück in den Gottesdienst, nahm wieder daran teil. Was er den Menschen gesagt hat, weiß ich nicht. Er wollte wohl ohne Störung Gottesdienst feiern. Die Gruppe hatte ihn gestört.

Ich selbst fand es traurig, dass der Mann die Gemeinschaft aufgelöst hat. Und ich fragte mich: Was hätte Jesus dazu gesagt? Ich denke, er hätte sich zu den Patienten gesetzt, mit ihnen erzählt und gefeiert. Die Gruppe auf der Treppe hätte er in ihrer Freiheit gelassen. Er hätte sie nicht verscheucht. Und uns hätte er dazu ermutigt, ebenfalls frei zu sein, uns heilen zu lassen von Zwängen. Er hätte für die kleine Versammlung gestritten, sich zum Anwalt der Andersseienden gemacht.

Und ich dachte mir: Wir waren doch Gäste in der Rheinhessenfachklinik. Sollten wir den Menschen dort gegenüber nicht offen sein, anstatt von ihnen zu fordern, mit uns konventionell zu werden? Schade, dass wir so genannten „Gesunden“ manchmal so blind sind, dass wir nicht den Nächsten sehen, den Gott uns schickt, dass uns der Weg durch Regeln so verstellt ist, dass wir nicht die Freiheit spüren, die Gott schenkt.

Machen wir es doch wie die Frau in der RFK: stehen wir auf, wenn uns danach ist, sehen und entdecken, wie wunderbar die Erde ist. Es waren, wie gesagt, keine Zuchtrosen, die die Frau bei ihrem Spaziergang fand, nur Gänseblümchen und Löwenzahn. Doch sie hat sie zu einem ansehnlichen Strauß gebunden. Als sie die Blumen sah, hat sie in dem Kleinen und Unscheinbaren das Besondere gefunden.

So eine Sicht zu haben, auszusteigen aus dem Üblichen, stehen zu bleiben inmitten eines Ablaufs, auszusteigen aus Zwängen und Alltag, auch das ist Christsein. Wer ausbrechen kann, der ist frei. Haben wir den Mut, auch mal ver…rückt zu sein. Oft reicht es schon aus, die Perspektive zu wechseln, uns hinzulegen auf eine Wiese, mit dem Himmel über uns den Blick zu weiten, zu spüren, dass Gott es gut mit uns meint. Durch ihn sind wir frei. Wer die Sicht ändert, der kann auch auf Augenhöhe mit anderen sein, der akzeptiert Menschen sogar in ihrem Anderssein.

 

Eine freie und von guten Erfahrungen geprägte Zeit

wünscht Ihnen Ihre Gemeindepfarrerin