Vorwort Winter 2015

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

was schreibt man in einem Vorwort zum Gemeindebrief für die Advents- und Weihnachtszeit, wenn Menschen höchst verunsichert sind, ausgelöst durch die Terroranschläge in Paris und deren Folgen, die auch bei uns spürbar werden? Viele gehen dieses Jahr nicht unbeschwert auf Weihnachtsmärkte. Manche werden ihre Reise über die Feiertage mit weniger Freude, wohl aber mit einem mulmigem Gefühl im Bauch am Flughafen oder auf einem Bahnsteig beginnen. Sie fürchten, dass sie selbst Opfer solcher Anschläge werden können. 

Millionen Menschen haben ihr Heimatland verlassen, weil sie solcher Furcht, der Gefährdung des eigenen Lebens wie des Lebens ihrer Familien ausgesetzt sind. Terror und Krieg durch fanatische Extremisten sind real, geschehen in anderen Ländern täglich. Bisher waren die Schrecken des Terrors für uns weit weg, allenfalls präsent durch Nachrichtenbilder in Zeitungen und Fernsehen oder durch Flüchtlingsheime in unserer  Umgebung, die von denen, die mit dem Leben davongekommen sind, bezogen werden. Seit den Anschlägen von Paris und deren Folgen sind der Terror und die Furcht davor näher gerückt. 

Ist es richtig, in solchen Zeiten Menschen den Besuch von Großveranstaltungen zu empfehlen? Machen wir uns nicht mit schuldig, wenn dort etwas passiert, wenn andere zu Schaden kommen? Terror lebt davon, dass man sich fürchtet. Offen seine Meinung äußern, Vielfalt leben, in einer bunten Gesellschaft  Toleranz üben gegenüber Andersseienden und Andersdenkenden – das will der Terror nicht, das wollen Diktatur und Fanatismus einschränken. Sie nehmen einem sprichwörtlich die Luft zum Atmen, den Raum, sich frei entfalten zu können. Das Gefühl, sicher zu sein, ist kleiner geworden.  

Ob Menschen nun auf Weihnachtsmärkte gehen, ein Konzert besuchen oder ein Fußballspiel – das mag jeder für sich entscheiden. Weihnachten werden wir feiern. Christen feiern, denn sie glauben, dass Gott mit Jesus zur Welt kommt. Auch Jesus wurde nicht in eine heile Welt geboren. Zu seiner Zeit herrschten in Israel Angst und Unsicherheit. Das Land war von den Römern besetzt. Eine fremde Armee übte die Gewalt aus. Menschen wurden versklavt, ausgebeutet und unterdrückt. Täglich werden hunderte ans Kreuz geschlagen. Eine andere Meinung als die des Kaisers gab es für Rom nicht. 

In eine Welt der Ungerechtigkeit und Schrecken wird Jesus geboren. Der Evangelist Matthäus berichtet sogar, dass Jesus und seine Eltern kurz nach der Geburt zu Flüchtlingen werden. Mitten in der Nacht spricht Gott zu Josef im Traum. „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir's sage; denn Herodes hat vor, das Kind zu suchen, um es umzubringen.“ Mitten in der Nacht brechen sie auf. (Matthäusevangelium, Kapitel 2, Verse 12f.) 

Mit Jesus hat Gott sich auf die Seite der Entrechteten, der Unterdrückten und Schwachen gestellt, derer, die fliehen müssen, die heimatlos sind, auf die Hilfe und Mitmenschlichkeit anderer angewiesen. Das ist die Botschaft der Weihnacht. Die andere Botschaft lautet: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ (Lukasevangelium, Kapitel 2, Verse 10f.) 

Freude verkündet Gott den einfachen, wenig angesehenen Menschen – zuallererst den Hirten auf den Feldern, vagabundierenden Tagelöhnern, die damals in Israel am Rand der Gesellschaft gewesen sind. Freude verkündigt er, weil Christus allen Menschen geboren ist: den einen als Hoffnung auf eine bessere Welt, den anderen zur Erlösung aus ihren Sünden. Für die, die Menschen töten, die sie entrechten, die ihre Häuser anzünden, die gewalttätig und Hass erfüllt gegenüber anderen sind, ist er ans Kreuz gegangen. Jesus hat für sich den unbequemen, den todbringenden Weg gewählt, damit alle, die an ihn glauben, den leichten, den selig machenden Weg zu Gott finden. Darum feiern Christen Weihnachten mit großer Freude, in Liebe und Dankbarkeit, mit Ehrfurcht und Anerkennung des göttlichen Wirkens!

Eine Zeit der Besinnung und der Freiheit, sich an Gottes Gnade zu freuen, wünscht Ihnen Ihre Gemeindepfarrerin