Vorwort

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

„Wer die Wahl hat, hat die Qual!“ – lautet ein Sprichwort. Gleich dreimal können einige von uns in diesem Jahr wählen: Im Frühjahr entschieden wir, wer das Land regiert, im Herbst ist Bundestagswahl und am 13. Juni wird der Kirchenvorstand gewählt. Bei so viel Wahl tut mancher sich schwer, sein Recht auf Basisdemokratie wahrzunehmen und einem der Leitungswilligen seine Stimme zu geben. Dabei sind die meisten von uns beim Wählen sehr routiniert, denn täglich müssen wir unzählig viele Entscheidungen treffen.

Kaum hat der Wecker das erste Mal gepiept, entscheiden wir noch im Halbschlaf darüber, ob unser Zeigefinger die Snooze-Taste drückt und wir noch fünf Minuten im Bett dösen, oder ob wir rasch aus den Federn springen. Was ziehe ich an, die blaue oder die schwarze Hose? Will ich Marmelade oder Honig aufs Brot? Gehe ich zuerst zur Post oder in den Supermarkt? Rund 20.000 Entscheidungen treffen wir täglich, das haben Hirnforscher festgestellt. Die meisten davon passieren blitzschnell unbewusst, bei anderen müssen wir überlegen. Wenn die Ampel auf Gelb springt, zögern die meisten keine Sekunde, sondern geben richtig Gas. Es geschieht wie von selbst. Wenn wir der Kollegin ein Kompliment machen, dem Kollegen beim Meeting ins Wort fallen, dann haben wir das bewusst entschieden.

Nicht nur in Extremjobs wie Feuerwehrmann, Polizistin oder Fluglotse gehören Blitz-Entscheidungen zum Alltag. Auch im Büro stehen Menschen unter Zeitdruck. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin ermittelt. Die Zeit, in der man sich genüsslich zurücklehnen konnte, bevor man eine Entscheidung trifft, ist vorbei.

Bewusst nachdenken, sich Zeit für ein Urteil nehmen, darum bat am 16. April 1521 Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms. Der Kaiser des Römischen Reiches Deutscher Nation hatte ihn dorthin bestellt, er sollte seine Schriften widerrufen. Der Reformator bat sich Bedenkzeit aus. Sie wurde ihm gewährt. Einen Tag später stand er wieder vor Kaiser und Fürsten, päpstlichen Gesandten und kirchlichen Würdenträgern. Und er, der Mönch aus Wittenberg, fasste all seinen Mut zusammen und blieb bei seinen Überzeugungen, basierend auf der Bibel, stehen. Den 500. Jahrestag dieser Entscheidung am 17. April konnte die Kirche der Pandemie wegen nur als digitales Ereignis begehen. Festreden und Feierlichkeiten wurden im Internet gestreamt.

Wer unter Zeitdruck steht, macht Fehler. Auch das haben Wissenschaftler festgestellt. Es ist also gut, eine Nacht darüber zu schlafen, bevor man ein Urteil fällt. Für Martin Luther ist es sicher 1521 eine unruhige Nacht gewesen, stand doch sein ganzes Leben auf dem Spiel. Machen wir es wie der Reformator: Nehmen wir uns Zeit zum Wählen. Zumindest bei der Wahl zum Kirchenvorstand wird uns diese Möglichkeit gegeben, denn die Briefwahlunterlagen kommen schon einige Tage vor dem 13. Juni per Post ins Haus.

Uns allen wünsche ich, dass wir die Freiheit, die das basisdemokratische Instrument der Wahl bietet, wahrnehmen. Gestalten wir gemeinsam die Zukunft unserer Kirche! 

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Gemeindepfarrerin Anja Krollmann