Vorwort Frühjahr 2016

„Ich bin ja hier“, flüstert die Mutter ins Ohr ihrer vierjährigen Tochter. Nachdem die Kleine gestürzt ist, läuft die Mutter zu ihr, hebt sie hoch und nimmt sie in den Arm. „Gleich wird es besser“, verspricht sie. Dabei streichelt sie über das tränennasse Gesicht des Mädchens. Es sind Situationen wie diese, liebe Leserin, lieber Leser, an die die Jahreslosung 2016 erinnert. Gott spricht: „Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.“ Diese Worte stehen im Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 66, Vers 13.
Trost wird zugesagt für dieses Jahr mit einem Bild, das einzigartig ist in der Bibel. An keiner anderen Stelle wird da von Gott als Mutter geredet. Im Deutschen ist das Wort Trost von seinem Ursprung her mit dem Wort „treu“ verwandt. Gott ist treu. Wie die Mutter, die uns das Leben gab, die viel Zeit und Kraft investierte, uns zu fördern, zu erhalten, zu bewahren, so ist Gott. Im Idealbild der Mutter wird er offenbar.
Nun wissen wir, dass auch Kinder vernachlässigt werden, dass manchen die Nähe, der Zuspruch der Mutter fehlt. Eltern, die rund um die Uhr arbeiten, um die Familie zu ernähren, müssen die Erziehung an Ganztagsschulen und Kindertagesstätten abgeben. Sie können mit ihrer Aufgabe, Eltern zu sein, überfordert werden oder kommen an ihre Grenzen.
Andere Kinder werden unterdessen von so genannten „Helikopter-Müttern“ überbehütet. „Helikopter-Mütter“ sind solche, die meinen, immer ins Dasein ihrer Kinder eingreifen zu müssen, die es managen, überwachen, kontrollieren. Und obwohl sie es gut meinen, nehmen sie denen, die so behütet sind, den Freiraum zum Leben.
Nun ist Gott keine „Helikopter-Mutter“, auch wenn er omnipräsent ist. Das heißt: Gott ist überall zu jeder Zeit. Aber Gott zerrt nicht an uns, im Gegenteil. Er lädt uns ein, zu ihm zu kommen. Wir dürfen entscheiden, wann das ist. Wenn wir ihn brauchen, ist er da. Unauffällig schaut er nach uns und gleichzeitig hält er Freiraum offen.
Gott hat uns zu freien Menschen gemacht. Als Freie dürfen wir selbst entscheiden, auch darüber was richtig ist und was falsch, und doch haben wir von Gott Orientierung bekommen: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ So heißt es beim Propheten Micha. Gott traut uns zu, dass wir zum Guten fähig sind. Zutrauen zu geben, auch das ist Zuspruch. Als Kinder Gottes hat Gott uns auf eigene Füße gestellt.
Allerdings – das kennen wir aus dem eigenen Erleben: Freiheit birgt auch Risiko, die Gefahr, dass Mensch etwas falsch macht, dass wir irren, vom guten Weg abkommen, wissentlich oder unwissentlich uns und anderen wehtun. Mit Jesus Christus trägt Gott das Risiko mit. Da trägt er die Schuld und Sünde ans Kreuz. Befreit von Schuld, von unendlicher Gottesferne wird das Heil zugesagt. An Ostern sagt Gott: „Ich bin da.“ Wie die Mutter zum weinenden Mädchen: „Es wird alles gut.“
Auch, wo wir nicht sehen, dass es gut wird, auch wenn uns der Tod vor Augen ist: Gott sieht und weiß, dass alles gut wird. Mit Jesus Christus am Kreuz ist die Macht des Todes gebrochen. Auch das ist Trost. Darum sehen Christen das Kreuz, das Zeichen des Leidens und Sterbens Christi, Ausdruck der Not und der Zerrissenheit aller menschlichen Existenz, und ahnen doch, dass hinter dem Kreuz mehr ist: Das Licht von Ostern scheint hindurch. Gottes Geschichte mit uns geht weiter. Sie endet nicht am Karfreitag.
Das Kreuz ist allen, die glauben, zum Zeichen des Lebens, geworden, des ewigen Daseins mit Christus. Dieses Leben, das nach dem Tod beginnt, hat Gott uns zugesagt. Es ist Gottes Geschenk, sola gratia, allein aus Gnade, unbezahlt und unverdient, wie Martin Luther sagt. Wie die Mutter ihrem Kind so spendet Gott Nähe, verspricht er sein Heil. Gott gibt sein Heil in eine höchst unheilige Zeit.
„Ich will euch trösten wie einen seine Mutter tröstet.“ Diesen Trost zu erfahren, wünsche ich allen in diesem Jahr, dass wir mit Gott optimistisch in die Zukunft sehen, ohne Furcht und ohne Scheu, damit wir weiterhin Feste feiern und zu Konzerten gehen, dass wir gastfreundlich und vorurteilsfrei denen begegnen, die Schutz suchen, dass wir uns stark machen für sie, Not ernst nehmen, Solidarität üben und neue Kräfte der Hilfsbereitschaft mobilisieren, dass wir für Gerechtigkeit sorgen - auch für diejenigen in unserem Land, die es nicht so gut haben wie wir. Denn wer getröstet ist, kann selber trösten. Wer genährt wird, kann selber nähren. Wer Segen erfährt, wird selbst zum Segen.
Eine Zeit der Nähe und grenzenlosen Liebe zu Gott und den Menschen wünscht Ihnen Ihre Gemeindepfarrerin