Vorwort Winter 2017

Liebe Leserin, lieber Leser,
fast hätte man die stille heilige Nacht dem Mammon geopfert. Drei Wochen Advent schienen dem Einzelhandel zu kurz für das Klingeln der Kassen in Einkaufsläden und Supermärkten. Da müssten die Angehörigen der Angestellten schon Verständnis haben und Geduld aufbringen, bis die Mutter oder der Vater von ihrer Schicht nach Hause kommen, um mit der Familie Heiligabend zu beginnen. Und man müsse ja auch an diejenigen denken, die bis 23. Dezember kein Geschenk eingekauft haben. Wer gebe denen eine Chance?
Gott sei Dank hat man dann doch ein Einsehen gehabt und das Fest des heiligen Abends sowie die Sonntagsruhe des 4. Advents, der dieses Mal der 24. Dezember ist, unangetastet gelassen, so dass das Fest der heiligen Nacht in Ruhe Zuhause vorbereitet und das Zusammensein mit der Familie besinnlich gefeiert werden kann. Schon am Morgen wird der 24. Dezember für viele ruhig beginnen, weil es ein Sonntag ist. Stille, das ist wonach viele sich sehnen – vor allem, wenn sie im Trubel der letzten Wochen kaum zur Ruhe gekommen sind. Stille kann wohltuend sein. Sie kann aber auch zu viel werden, ist manchmal schwer auszuhalten. Vielleicht geht es einigen wie der Frau, von der Heinke Willms in ihrer Geschichte erzählt:
Draußen ist es dunkel geworden. Die alte Frau schaltet das Licht ein. Seufzend tritt sie ans Fenster und zieht die Vorhänge zu. Dann setzt sie sich. „Still ist es, seit er nicht mehr da ist“, denkt sie. Mit ihrer Hand streicht sie sanft über die Lehne seines Sessels. Jeden Abend haben sie hier miteinander gesessen. Haben ein wenig geredet, über dies und das. Haben es genossen, nach so vielen Jahren noch immer beieinander zu sein. Manchmal haben sie sich an der Hand gehalten. Ganz fest hat er sie dann gefasst – so, als könnte es für immer sein. Einmal, da haben sie dann doch über den Abschied gesprochen. Sie haben nach Worten getastet. Und sie haben einander stockend erzählt, was sie sich wünschen, wenn es einmal so weit ist. „Wir haben hier keine bleibende Stadt“, hat er am Schluss gesagt, und sie erinnert sich, wie er dabei geschluckt hat, „wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Fast ein Jahr ist es nun her, dass der Tag gekommen ist, den sie beide so sehr gefürchtet hatten. Ganz schnell kam sein Tod. Barmherzig, ohne langes Leiden. So, wie er es sich gewünscht hat. Und sie, sie war plötzlich allein. Wie betäubt hat sie getan, was zu tun war. Und dann an seinem Grab gestanden.
Immer wieder zieht dieser Tag durch ihre Gedanken: Sie steht am Grab und schaut in die Tiefe. Wieder und wieder wirft sie die Rosenblätter hinab. Ja, denkt sie heute, du bist schon dort. Du bist angekommen, dort, in der Stadt der Zukunft. Und noch einmal hat sie die Worte des Pfarrers im Ohr: „Und Gott wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein. Und er wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.
Tränen steigen ihr in die Augen, laufen ihre Wangen hinunter. Sie wischt sie mit dem Ärmel beiseite. Still ist es. Nur die Uhr an der Wand tickt leise. Doch, mischt sich da nicht ein anderer Laut hinein. Die Frau horcht hinaus. Ja, da sind Schritte zu hören. Langsam kommen sie näher. Dann wispern leise Stimmen vor ihrer Tür. Eine Flöte beginnt zu spielen. Sanfte Töne, die Melodie ist ihr vertraut. Kinderstimmen setzen ein: „O Heiland, reiß die Himmel auf …“
Langsam geht sie zur Tür. Sie dreht den Schlüssel herum, öffnet sie einen Spalt, schaut vorsichtig hindurch. Fünf Kinder stehen da mit Kerzen in der Hand, und eines mit der Flöte. Als das Lied ausklingt, sagt die Größte von ihnen: „Wir sind von der Kirche, wir kommen zum Adventssingen.“ Die Frau schluckt und schaut die Kinder an. „Das war wunderschön“, sagt sie schließlich und fügt zögernd hinzu: „Kommt doch herein und bleibt noch ein bisschen.“
Die Kinder folgen ihr ins Haus. In der Küche stellt sie Gläser auf den Tisch, holt die Flasche mit dem Saft aus dem Kühlschrank. Wie gut, denkt sie, dass ich doch ein paar Plätzchen gebacken habe. Sie nimmt die Dose vom Schrank und stellt sie auf den Tisch. Die Kinder setzen sich. Essen und trinken. Sie erzählen, wer sie sind. Vertraute Nachnamen haben sie, und von zweien kennt sie noch die Omas …
„Singt doch noch etwas“, bittet die Frau schließlich. Und die Kinder singen. Ein Lied, noch eins und noch eins. Die alte Frau hört zu. Und dann beginnt sie leise mitzusummen. Beim letzten Lied singt sie alle Strophen mit. „Komm, oh mein Heiland, Jesus Christ, mein Herzens Tür dir offen ist …“
Es ist das erste Mal, dass sie nach seinem Tod wieder singt. Sie spürt, wie die Lieder ihr Herz wärmen. Wie sie sich dem Trost öffnen kann. Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Ja, denkt sie, manchmal, da spüre ich es schon hier, wie Gott in unserer Welt wohnt. Manchmal, da erreicht mich ein Lichtstrahl aus seiner Zukunft. Getröstet und zuversichtlich gehe ich heute weiter auf meinem Weg. Eine Melodie im Ohr und das Ziel vor Augen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“
Liebe Leserin, lieber Leser,
wer das Kirchenjahr lebt und bewusst wahrnimmt, für den hat der Advent am 3. Dezember begonnen, der hat die Themen des Ewigkeitssonntags der Woche davor noch im Ohr, wo von Abschied und Trauer, von Sterben und Tod die Rede ist, aber auch von Hoffnung und Leben, dem ewigen Dasein in Gottes Welt. An Heiligabend kommt Gott uns mit seiner Welt entgegen. Ein Strahl seines Lichts trifft unser Leben. Es wird still. Liebe und Barmherzigkeit berühren unser Herz, und wir spüren, dass in dieser Nacht etwas Besonderes geschieht.
Mit Jesus Christus kommt Gott auf die Erde, verbindet sich als Kind mit uns. Gott kommt, um nahe zu sein allen, die traurig sind oder zweifelnd, krank oder einsam. Leid und Elend trägt er, hält Sterben und Tod aus, damit sie ein Ende haben.
Weihnachten ist die stille Zeit, in der wir zur Besinnung kommen, uns auszurichten auf den, der kommen wird. Und wir brauchen die Ruhe, um zu hören, wenn er da ist. Dann öffnen wir, lassen ihn ein in unser Herz, lassen ihn in unserem Dasein zur Wirkung kommen, spüren, wie wohltuend und hilfreich, wie heilsam und tröstlich seine Gegenwart ist, werden wir berührt von der Ankunft des göttlichen Kindes und seiner himmlischen Boten!
Eine besinnliche Begegnung mit Gott wünscht Ihnen
Ihre Gemeindepfarrerin