Vorwort Winter 2013

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,


vor einiger Zeit kam die Evangelische Kirche in die Schlagzeilen. In Tageszeitungen wurde geschrieben, die Ökumene sei in Gefahr. Es hieß, die evangelische Kirche habe das christliche Eheverständnis verlassen.

„Es ist zum katholisch werden!“ lamentierte ein ehemaliger Wiesbadener
Oberbürgermeister und thüringischer Justizminister, Richter am Verfassungsgericht in Karlsruhe a. D. Und der sonst so volksnahe und gemäßigte Kardinal Karl Lehmann sagte: Er sehe einen Konfliktherd zwischen evangelischer und katholischer Kirche. Das tiefere Miteinander sei in Gefahr.

Anlass der Aufregung war ein Text der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Thema „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit, Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken“. In diesem Text wurden neben der Ehe auch andere Lebenspartnerschaften behandelt, wie das Zusammenleben eines Paares ohne Trauschein, die Situation Alleinerziehender sowie die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft mit und ohne Kind.

Dass und wie die nicht ehelichen Lebensformen in diesem Text gesehen werden, haben die Verteidiger von Sitte und Moral der Evangelischen Kirche zum Vorwurf. Mit ihren Äußerungen, so heißt es, verwässere sie die besondere Stellung der Ehe und gebe den Schutz der Familie auf.

Was die Evangelische Kirche dagegen hält, ist, dass das göttliche Geschenk des Lebensbündnisses wie der Segen Gottes unterschiedslos allen Menschen gilt. Zudem sieht sie sich angesichts des gesellschaftlichen Wandels vor neue Herausforderungen gestellt, denen sie begegnen will: Die Ehe hat nach wie vor einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft, gleichzeitig wird jede zweit bis dritte Ehe geschieden. Kinder gehören nicht mehr zwingend zur Ehe dazu. Die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft hat rechtliche Anerkennung erfahren. Sie wird ins Personenstandsregister eingetragen und hat rechtliche Folgen, die denen der Ehe ähnlich sind.

Viele Menschen wünschen sich, dass ihre Partnerschaft in einem Gottesdienst gesegnet wird. Gleichzeitig verzichten immer mehr Kirchenmitglieder auf eine kirchliche Hochzeit. Die Bedeutung der standesamtlichen Trauung ist gestiegen.

Die Kirche sieht sich einer Vielzahl an Möglichkeiten gegenüber, denen sie angemessen und menschennah begegnen will.

Nach wie vor gilt: Die Ehe hat eine wichtige Bedeutung für die Kirche. Und die Kirche hat den Auftrag, den Menschen den Segen Gottes zuzusprechen, sie darin zu unterstützen und zu begleiten, dass sie evangeliumsgemäß leben können, wie es im Römerbrief, Kapitel 15, Vers 7 heißt: „Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“ Und im Galaterbrief, Kapitel 6, Vers 2 lesen wir: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“

Seit das Personenstandsrecht im Jahr 2008 geändert wurde, ist eine kirchliche Trauung ohne vorhergehende standesamtliche Eheschließung vom Staatsrecht aus möglich. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hält jedoch an der vorhergehenden standesamtlichen Trauung fest. In ihrer Lebensordnung, die alle Lebens begleitenden Kasualien regelt, gilt der staatliche Trauschein als notwendige Voraussetzung für die kirchliche Hochzeit. Auch die Segnung einer Lebenspartnerschaft erfolgt erst, wenn diese als Lebensbündnis eingetragen worden ist. Die Gottesdienste zur Segnung sind – laut Lebensordnung, die in den letzten Jahren überarbeitet und als Neufassung im Juni 2013 erschienen ist, – gleich aufgebaut. Bestätigen sie doch das Lebensbündnis zweier Menschen, das auf Dauer angelegt ist, sowie den Wunsch für ein gemeinsames Leben, das christlich geführt wird.

Homosexualität – so heißt es in der neu verfassten Lebensordnung – „kann als Teil der Schöpfung angesehen werden. Von seiner Schöpfung sagt Gott: „Und siehe, es war sehr gut“ (1 Mose 1), und der Mensch kann zu Gott beten: „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke, das erkennt meine Seele“ (Psalm 139). Dieser Lobpreis des Schöpfers und der Schöpfung ist unabhängig von der sexuellen Orientierung des Menschen. Allen Christinnen und Christen gilt die Zusage einer Neuschöpfung in Christus (2 Kor 5,17), und sie hoffen auf die Vollendung der Beziehung zu Gott (vgl. Röm 8,23).

Es gibt in den biblischen Texten [auch] eine klare Ablehnung gelebter Homosexualität (3 Mose 18,22-25; Röm 1,26 f; 1 Tim 1,10 und öfter). Diese Texte sind jedoch von einer antiken Weltsicht geprägt, nach der es nur eine geschlechtliche Orientierung gibt, nämlich die heterosexuelle. Homosexualität erscheint darum als verwerfliches Verhalten von Heterosexuellen, die grundsätzlich auch anders handeln könnten. Deshalb wird an den entsprechenden Stellen hart über dieses Verhalten geurteilt. Wenn man aber davon ausgeht, dass es nicht nur eine einzige geschlechtliche Orientierung gibt, geht die in der Bibel zu findende Verurteilung gleichgeschlechtlicher Praktiken heute ins Leere. Die Treue zu den biblischen Texten und die Bejahung gleichgeschlechtlicher Liebe schließen sich nicht mehr gegenseitig aus.“ (Lebensordnung 2013, LO 100, Artikel 255-257).

Liebe Leserinnen, liebe Leser, warum schreibe ich angesichts der nahenden Weihnachtszeit ein Vorwort über dieses Thema? Ich könnte auch über Engel schreiben, über Stern, Hirten und Glockengeläut. Aber ich denke an die Krippe und an den, der darinnen liegt. Und der darinnen liegt, ist das Kind einer unehelich Schwangeren und eines Mannes, der nicht Josef von Nazareth heißt, mit dem Maria aber verlobt ist.

Dieser eine kam in die Welt, den Menschen die Liebe Gottes zu bringen. Dabei hat er keinen Unterschied gemacht ob Jude oder Römer, Frau oder Mann, Sklave oder Freier, krank oder gesund. Jesus ging zu allen Menschen, heilte und hat sie gesegnet. Der Blick auf ihn verbindet die Kirchen – über alle Unterschiede hinweg. „Wer Gottes Willen tut“, sagt Jesus, „ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ So heißt es im Markusevangelium, Kapitel 3, Vers 35.

Wie können Menschen, die seinen Spuren folgen, denen, die anders leben als andere, den Segen Gottes verweigern wollen?

Jesus zeigt doch mit seinem Leben, dass Gott bedingungslos liebt. Gott liebt ausnahmslos jeden Menschen – das ist die Botschaft der Weihnacht. Besinnen wir uns auf das Wesentliche dieses einen. Danken wir Gott dafür, dass er uns sieht, dass er uns aus den Augen eines Jesus von Nazareth ansieht und dass er uns segnet.

 

Eine besinnliche, von göttlicher Liebe geprägte Zeit

wünscht Ihnen Ihre Gemeindepfarrerin.