Vorwort Frühjahr 2014

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,


Gott nahe zu sein, ist mein Glück. So lautet die Losung für das Jahr 2014.

Was braucht es, um glücklich zu sein?

Der Kabarettist Eckart von Hirschhausen hat Ende November 2013 eine ganze Sendung übers Glück gemacht. Dabei hat er Menschen gefragt, was sie glücklich macht. Auf den obersten Plätzen von dem, was genannt wurde, war die Familie, Beziehung und Freunde.
Geld lag irgendwo dahinter. Ich hatte das Ergebnis dieser Umfrage anders eingeschätzt. Ich hatte gedacht, dass Geld viel weiter vorne liegt. Wichtiger als Geld waren den Befragten aber die sozialen Kontakte, die Verbindung zu Menschen, die Halt gibt, ein Ort, an dem sie sich  geborgen fühlen. Glaube wurde als Glücksfaktor ebenfalls erwähnt. 

Was macht Menschen glücklich? Beim Hören dieser Frage fällt sicher jedem und jeder ein Gesicht, ein Name, ein Begriff ein. Der Beter des Psalms, aus dem die Losung für das Jahr 2014 stammt, hat beim Glück an Gott gedacht. Damit sollen die Begriffe, die sonst einfallen, nicht relativiert werden. Gott fiel dem Beter nicht sofort ein. Es hat eine Zeit gedauert, vielleicht Jahre gebraucht, bis er sein Glück bei Gott fand. Der Mensch, der den Psalm spricht, hat seine eigene Geschichte. Schauen wir, was er uns über sich selbst erzählt. Lernen wir die Losung 2014 in ihrem ganzen Kontext kennen. Als Text habe ich die Bibelübersetzung von Jörg Zink ausgewählt. Darin steht Psalm 73 in dieser Formulierung:

 

Voll Güte ist Gott gegen den Aufrichtigen,

gegen alle, die reines Herzens sind.

Aber fast wäre ich gestrauchelt mit meinen Füßen,

um ein Haar ausgeglitten auf meinem Weg,

denn ich beneidete die Prahler, als ich sah,

dass es den Gottlosen so gut ging.

Es gibt ja keine Qualen für sie,

und gesund und feist ist ihr Leib.

Sie tragen keine Last wie andere Menschen

und leiden keine Qual wie die anderen Leute.

Darum tragen sie ihren Hochmut umher

wie ein Geschmeide am Hals und prangen

in ihrer Gewalttat wie in einem stolzen Gewand.

Ihre Schuld dringt aus ihrem Fett,

und von bösen Plänen quillt ihr Herz über.

Sie spotten und höhnen und reden verächtlich,

von oben herab reden sie ihr wirres Geschwätz.

Was sie reden, soll herabtönen vom Himmel,

und was sie sagen, soll gelten auf Erden.

Darum fällt ihnen der Pöbel zu und schlürft ihre Worte

wie Wasser. Sie sprechen: Da ist doch kein Gott, der es weiß! Wie sollte ein Gott sein, der es merkt?

Ach, das sind die Gottlosen!

Sie steigern ihre Macht in ewigem Glück.

Es war umsonst, dass ich mein Herz rein hielt

und meine Hände wasche vom Unrecht.

Ich leide doch Qual den ganzen Tag

und erfahre meine Strafe alle Morgen.

Hätte ich gedacht: ich will reden wie sie!

dann hätte ich alle deine Kinder verraten.

So sann ich nach, ob ich’s verstünde,

aber es war mir zu schwer,

bis ich ins Heiligtum Gottes eintrat

und das Ende erkannte, das ihnen bevorsteht.

Ja, auf schlüpfrigen Grund stellst du sie,

in Täuschungen stürzen sie dahin.

Wie sind sie doch im Nu zunichte,

verschwunden, im Schrecken vergangen.

Wie ein Traum vergessen ist, wenn man erwacht,

so gehst du über ihr Bild hin, Herr, wenn du aufstehst!

Es tat mir weh im Herzen

und verwundete mich in meinem Innern,

ich war ein Narr und ohne Verstand,

ich war wie ein Tier vor dir.

Nun aber bleibe ich stets an dir,

denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.

Du leitest mich nach deinem Rat

und nimmst mich am Ende mit Ehren an.

Wenn ich nur dich habe,

frage ich nichts nach Himmel und Erde.

Wenn mir auch Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.

Im Tode enden, die von dir weichen,

die dir die Treue brechen, gehen zugrunde!

Mir aber ist deine Nähe kostbar.

Meine Hoffnung setze ich auf den Herrn,

von ihm und seinen Taten redet mein Mund.

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

das Leben dieses Beters ist nicht leicht. Sich selbst hat er lange auf der Seite der Verlierer gesehen. Lange litt er am Unrecht dieser Welt. Er gehört weder zu den Reichen und Mächtigen, noch zu den Angesehenen und Schönen. Von der anderen Seite, der Seite der Durchschnittlichen, der Bedeutungslosen, der Verlierer schaut er auf die Mächtigen und Schönen, beneidet er sie lange Zeit um ihr Glück. Er selbst hat wenig Erfolg, sowohl im privaten, wie auch im gesellschaftlichen Bereich.

Vermutlich ist er ein kleiner Angestellter oder Arbeiter, der von morgens bis abends seinen ganzen Einsatz bringt, nur um am Monatsende ein kleines Auskommen nach Hause zu tragen. Er fällt nicht auf in der Masse, hebt sich nicht von ihr ab, hat kein besonderes Talent. Den Segen Gottes sieht er nicht bei sich, nur bei den anderen. Denen gelingt offensichtlich alles.

Wir kennen sie, diese anderen: die selbstsicher auftreten, die gut ankommen bei den Menschen, die imponieren mit ihrem Gehabe – auch wenn dahinter die Fassade nicht stimmt, deren Äußeres nur Blendwerk ist, das aber ausreicht, um zu überzeugen. Und als wäre das nicht genug, sind sie überheblich, dreist und selbstgefällig. Mit sich selbst zufrieden meinen sie, den Erfolg, den sie haben, hätten sie allein aus sich, aus eigener Kraft alles geleistet, alles verdient. Sie leben und reden, als gäbe es Gott nicht. „Ach, das sind die Gottlosen!“ sagt der Psalmbeter. „Sie steigern ihre Macht in ewigem Glück.“

Der Mensch, der diesen Psalm betet, leidet an der Ungerechtigkeit, die ihn trifft. Er selbst hat sich immer anständig verhalten.

Aufrichtig, geradlinig, rechtschaffen ging er seinen Weg. Doch so sehr er sich bemüht hat, dieser Weg hat ihm keinen Erfolg gebracht. Sieger sind immer nur die anderen. Nach wie vor ist er Durchschnitt, vielleicht an der Armutsgrenze. Womöglich ist er arbeitslos geworden, hat sich nicht hoch gedient wie all die anderen, hat nicht vor dem Chef gebuckelt und hinter ihm geredet. Offen und geradeheraus hat er seine Meinung vertreten. Seine Ehrlichkeit brachte ihm kein Glück. Als die Aufträge knapp wurden, die Stellen reduziert, musste er als einer der ersten gehen. Der andere am Arbeitsplatz neben ihm, der Schleimer, der Drückeberger, der nicht mit, sondern über den Chef geredet hat, durfte bleiben. Der wurde sogar befördert.

Der Beter ist enttäuscht. Er wartet auf Gerechtigkeit und geht in den Tempel. Wir wissen nicht, was im Tempel passiert ist, wer oder was ihm dort begegnete. War etwas im Raum: ein Windhauch, ein Wispern, ein Wort von Gott selbst? Oder ist es ein Moment in ihm gewesen? Einer jener lichten Momente, eine plötzliche Erkenntnis, wie wenn ein Vorhang sich auftut, ein Schleier sich lichtet und den Blick freigibt auf das, was verborgen ist? Es gibt solche Augenblicke, in denen Gott uns findet. Mose am Berg Horeb zum Beispiel, der hat so einen Moment erlebt: Aus der Flamme eines brennenden Dornbuschs ruft Gott ihn mit Namen und gibt sich ihm zu erkennen. Gott stellt sich ihm vor: „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Indem Mose Gottes Namen hört, wird Gott fassbar für ihn. Da entsteht eine Nähe, eine Beziehung, die zuvor nicht gewesen ist. (Siehe 2. Buch Mose, Kapitel 3)

Was Mose passiert, das erlebt in anderer Weise der Beter des Psalms 73. Plötzlich ist in ihm eine Wende geschehen. Seine Sichtweise hat sich verändert. Er sieht die Dinge anders als er es früher getan hat. Von einer anderen Perspektive aus blickt er auf das Leben und auf das, was in ihm geschieht. Der Beter, der zuvor noch geklagt hat, erkennt: Die Gottlosen siegen nicht für immer. Ihre Zeit ist begrenzt. Es gibt eine Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Gott selbst wird diese Gerechtigkeit herstellen: „Ja, auf schlüpfrigen Grund stellst du sie, in Täuschungen stürzen sie dahin. Wie sind sie doch im Nu zunichte, verschwunden, im Schrecken vergangen. Wie ein Traum vergessen ist, wenn man erwacht, so gehst du über ihr Bild hin, Herr, wenn du aufstehst! ... Im Tode enden, die von dir weichen, die dir die Treue brechen, gehen zugrunde!“

In einem anderen Text heißt es: „Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“ So steht es im Lukasevangelium, Kapitel 1, dem so genannten politischen Magnificat, dem Lobgesang der Maria, nachdem der Engel Gabriel ihr gesagt hat, dass sie schwanger werden und Gottes Sohn zur Welt bringen wird. Von ihm sagt der Engel: „Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“ Als Christen glauben wir: Mit Jesus beginnt die Zeitenwende, mit ihm bricht Gottes Herrschaft an. Der Evangelist Lukas, der Maria seine Worte in den Mund legt, und auch der Beter des 73. Psalms, erwarten eine Zeitenwende. Beide warten darauf, dass Gott Gerechtigkeit bringt, einen Umsturz der Mächtigen, eine Umkehr der Verhältnisse.

Hat Gott die Welt verändert? Nach wie vor herrschen Krieg, Hass, Unrecht, Elend in dieser Welt. Ist die Welt mit Jesus von Nazareth anders geworden? So fragt der Skeptiker, gelegentlich auch der Skeptiker in uns selbst. Diesem Kritiker möchte ich heute entgegnen: Ich glaube, es gibt das Erleben von Glück, die Erkenntnis, wenn der Vorhang sich lüftet, und wir merken, dass es Gott gibt, eine Macht, die außerhalb von uns ist, die höher ist als alle anderen Mächte, die die Mächtigen vom Thron stürzt, die alles menschliche Tun relativiert,  eine Kraft, die uns trägt, die uns antreibt und festhält, die uns anstößt zum Leben, eine Hoffnung, ein Trost, etwas, das außerhalb von uns ist, das aber zu uns kommt durch Jesus Christus, Gottes Sohn, als Mensch bei den Menschen. So eine Erkenntnis, dass es Gott gibt, hat der Beter des 73. Psalms erlebt.

Wie immer sich Gott offenbart hat. Gott hat sich offenbart. Den Blick, seine Einstellung zum Leben hat Gott verändert. Wenn auch das Leben um ihn herum nicht anders geworden ist. Sein Blickwinkel hat sich verändert. Er hat eine neue Einsicht bekommen. Es ist die Vision und Vorstellung von einer anderen, einer besseren Welt, in der Gott das Leben nicht sein lässt wie es ist, in der Gott herrscht, wo Gottes Wille gilt. Auf diese Vision strebt der Beter von nun an zu. Ihr widmet er sein Leben. Von nun an wird er in der hoffnungsvollen, frohen, gespannten Erwartung beten, dass Gott seinen Lichtmoment, Gottes Welt, wahr macht. Darum kann der Psalmist am Ende reden: „Nun aber bleibe ich stets an dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand. Du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an. Wenn ich nur dich habe, frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir auch Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil. … Meine Hoffnung setze ich auf den Herrn, von ihm und seinen Taten redet mein Mund.“

Was immer das Jahr uns bringt. Diese Erfahrung wünsche ich uns allen: Die Erfahrung, dass Gott nahe zu sein, Glück ist.

Vielleicht erleben wir die Nähe Gottes bei einem der vor uns liegenden Gottesdienste. Vielleicht spüren wir sie bei der Feier des Heiligen Abendmahls. Wie auch immer Gott uns begegnet.

Gott findet uns, und er lässt sich von uns finden. Gott ist da – ob wir ihn spüren oder nicht. So ist er bei uns – alle Tage, auch in diesem Jahr und bis ans Ende der Zeit. So hat Jesus es uns versprochen.

 

Gute Begegnungen und Erfahrungen mit Gott wünscht Ihnen

Ihre Gemeindepfarrerin