Vorwort Sommer 2014

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

wenn Sie in einer Kirche nach oben sehen, finden Sie in Rheinhessen glatt verputzte Decken. In Skandinavien ist das anders. Ob Norwegen, Schweden, Finnland – viele Kirchen sind aus Holz gebaut. Ihre Decken erinnern an den offenen Teil eines Schiffes. Der Längsbalken ist der Kiel. Die Querbalken, zur Mitte hin nach oben gewölbt, sind wie der Bauch eines Bootes, nur, dass das Boot auf dem Kopf steht.

„Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ fällt mir zur Deckenkonstruktion solcher Kirchen ein. Den Text des gleichnamigen Liedes finden Sie auf der letzten Seite in diesem Gemeindebrief abgedruckt. „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“, so lautete auch das Motto des Gemeindefests in unserer Pfarrei, das wir im Jahr 2010 gefeiert haben. Damals hatte es so viel geregnet, dass die Gottesdienstbesucher samt Segelboot in die Kettenheimer Kirche umziehen mussten. Hoffentlich haben wir bei unserem Gemeindefest in diesem Jahr, das am 27. Juli gefeiert wird, besseres Wetter. Dann kann der Gottesdienst – wie gewohnt – im Gemeindegarten am Kettenheimer Pfarrhaus stattfinden.

Die Gemeinschaft der Christen mit einem Schiff zu vergleichen, finde ich gut. Gemeinde und Schiff haben einiges gemeinsam: Zunächst brauchen beide eine Mannschaft, die an Bord geht. Ohne sie würde das Schiff nicht losfahren. Es läge nur dumpf im Wasser, hätte kein Ziel, könnte mit niemandem unterwegs sein, nirgendwo ankern. Auch eine Gemeinde braucht Menschen, die gerne auf Fahrt gehen, gemeinsam was erleben, ein Ziel haben, zusammenstehen. Ohne Mannschaft keine Gemeinde.

Wie in einer Gemeinde kann die Mannschaft eines Schiffes sehr verschieden sein. Jeder hat seine eigene Meinung und darf sie vertreten. Jeder hat individuelle Fähigkeiten. Der eine kann gut rechnen, ein anderer kann mit den Händen kreativ sein. Wenn es aber drauf ankommt, müssen alle an einem Strang ziehen. Wenn sie das nicht tun, sich uneins sind, jeder woanders hinzieht, wird kein Segel gehisst, das Schiff könnte niemals Fahrt aufnehmen. Es kann noch so viel Wind aufkommen, ohne aufgezogenes Segel kommt ein Schiff nicht voran. Es treibt auf der Stelle wie ein Korken im Wasser.

Bei den Kirchenvorstandswahlen am 26. April 2015 braucht es Menschen, die bereit sind, an einem Strang zu ziehen, sich in die Gemeinschaft einzubringen: ob sie in einem der Ausschüsse mitmachen – beim Benennungsausschuss, der geeignete Kandidaten für das Amt des Kirchenvorstands findet, oder beim Wahlausschuss, der die Urnen am Wahltag beaufsichtigt und die abgegebenen Stimmen auszählt, ob sie sich zur Wahl als Kandidat aufstellen lassen oder wählen gehen, ihren Stimmzettel als Wahlbrief bei der Post oder im Pfarramt abgeben – damit eine Wahl zustande kommt, braucht es Menschen, die am Leben ihrer Kirchengemeinde teilnehmen.

Die Leitung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau versucht immer wieder kleine Einheiten zusammen zu legen, Kirchengemeinden aufzulösen und ihnen ihre Selbständigkeit zu nehmen. Die Wahl zum Kirchenvorstand ist eine gute Gelegenheit, der Kirchenleitung zu zeigen, dass unsere Gemeinden sehr lebendig sind, so klein sie auch sein mögen. Bei der Wahl im Jahr 2008 lag die Zahl derer, die in Kettenheim gewählt haben, bei 60 Prozent. Das war für Rheinhessen absoluter Spitzenwert. Diese Zahl können wir im nächsten Jahr wieder erreichen. Dafür braucht es genügend Menschen, die zur Wahl gehen. Als Getaufte sitzen wir alle in einem Boot, sind wir Teil einer Gemeinde.

In unserer Gemeinde ist Gott der Kapitän. Wo sein Geist weht, kommt Wind auf, da können wir gemeinsam Fahrt aufnehmen. Mit Jesus Christus als Steuermann wissen wir, wohin die Reise geht. Durch ihn haben wir die Idee eines Hafens, wo wir an Land gehen, die Vision von Gottes Welt und die Hoffnung, dass diese Welt hier und jetzt wahr werden kann. In Gottes Reich gelten alle Menschen gleich, werden alle mit derselben Würde behandelt, gibt es weder Unrecht noch Streit.

In seinem Leben hat Jesus manche Stürme erlebt. Wann immer er anders gehandelt hat als Schriftgelehrte, Priester und Pharisäer es für richtig gehalten haben, wenn er sich für Frauen einsetzte, für Ehebrecherinnen, Prostituierte, Kranke bekam er Gegenwind zu spüren: Seine Gegner haben ihn kritisiert. Sie warfen ihm vor, dass er mit Zöllnern und Sündern umgeht. Für seinen Kurs haben sie ihn angefeindet, gefangen genommen und getötet. Doch Gottes Geist weht, wo er will. An Ostern hat Gott Jesus auferweckt, da hat er seinen Kurs für alle sichtbar festgelegt. Gottes Fahrt mit uns geht weiter.

Mögen Stürme das Schiff bedrohen, Wellen ins Boot klatschen, Wolken die Sonne verdunkeln, Nebel die Sicht nehmen: Vertrauen wir unsere Gemeinde Gott an, lassen wir uns von Gottes Mensch gewordener Liebe führen. Mit ihm kann das Schiff, das sich Gemeinde nennt, durchs Meer der Zeit segeln, viele Menschen mit an Bord nehmen und in Gottes Hafen ankern.

Eine gute Seereise mit Ihrer Gemeinde und allzeit eine Handbreit Wasser unterm Kiel wünscht Ihnen

Ihre Gemeindepfarrerin