Vorwort Herbst 2014

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

Weinstöcke gehören zu Rheinhessen. Wie gut, dass die Römer sie hierher gebracht haben. Sonst könnten wir das Reifen der Früchte im Sommer nicht sehen, die Trauben im Herbst nicht ernten, das Ergebnis ihrer Verarbeitung am Ort der Erzeugung nicht genießen. Auch in der Gegend, in der Jesus wirkte, gehören Weinberge zum Leben dazu. Im Johannesevangelium, Kapitel 15, Vers 1ff. erklärt Jesus anhand dieser Pflanze unser Verhältnis zu Gott. Er sagt:

„Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“

Mit dem Bild vom Weinstock zeigt Jesus unser Verhältnis zu Gott, wie wir mit ihm verbunden sind: Es ist eine sehr enge Verbindung, in der wir stehen, eine Lebensbeziehung. Wie die Reben vom Weinstock abhängig sind, der sie nährt, leben Christen durch Gott, der in Christus gegenwärtig ist. Ohne ihn können sie nicht sein, ohne den Weinstock sind die Reben nicht lebensfähig. Abgeschnitten vertrocknen sie. Als Christen sind wir durch unseren Glauben mit Christus verbunden. Durch ihn fließt zu uns die göttliche Lebensenergie. Diese Kraft kann niemand uns nehmen, keine Krankheit, kein Tod, noch irgendeine andere Macht. „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römerbrief, Kapitel 8, Vers 38f.) Lebensenergie ist das, was Theologen meinen, wenn sie von der Gegenwart des Auferstandenen sprechen. 

In Christus haben wir einen Beistand, einen Tröster. Als Jesus stirbt, schenkt Gott ihm neues Leben. Es ist wie beim Weinstock im Frühjahr: Die Pflanze treibt aus, neues Grün entsteht, Äste wachsen. Wie Reben an einem Weinstock lässt Gott – im übertragenen Sinn – Menschen zu Christen werden. Sie werden getauft. Durch die Taufe sind sie mit Christus verbunden. Sie hängen an ihm und bringen mit Gottes Kraft Früchte des Glaubens. Diese Früchte sehen bei jedem und jeder anders aus. Für die einen ist Jesus ein Vorbild der Liebe. Sie orientieren sich an ihm, an seinem Handeln. Mit ihm versuchen sie die Welt zu verändern und zu gestalten. Sie setzen sich für Arme und Missachtete ein, für alle, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden sind. 

Für andere ist Jesus ein Gesprächspartner, einer, von dem sie sich begleitet fühlen. Theresa von Avila nennt das Leben mit ihm „Das stille Verweilen bei einem Freund, der uns liebt.“ Wieder andere sehen ihn als Zeichen der Hoffnung. Für sie ist Jesus der Weg zum Himmel, die Tür, durch die Gottes Reich ihnen offen steht. Wieder andere sehen in ihm einen Fürsprecher, einen, der für sie einsteht, wenn Gott Gericht hält, wenn es ans Ernten geht: „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe.“ Hier ist vom jüngsten Gericht die Rede. Die Kirche des Mittelalters hat daraus die Lehre vom Fegefeuer gemacht und Furcht vor ewiger Verdammnis geschürt. Mittels dieser Angst wurden Menschen unter Druck gesetzt und gefügig gemacht. Heute wissen wir: Jesus hat ein grundsätzlich anderes Gottesbild vertreten. Er beschreibt Gott als einen Hausherrn, der barmherzig ist wie der im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. (Matthäusevangelium, Kapitel 20,die Verse 1 bis 15). Darin gibt Gott jedem das gleiche Gut, dieselbe Liebe, ganz gleich wie viel einer leistet oder wann er zu Gott findet. Und er beschreibt Gott als einen, der verzeiht wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn, der aus Liebe zu seinem Kind den Heimkehrenden fröhlich in die Arme nimmt und ein Fest für ihn feiert (Lukasevangelium, Kapitel 15, die Verse 11-32). Jesus  nennt Gott seinen Vater. An Ostern wird der Vater zeigen, wie sehr er sein Kind liebt, indem er es vom Tod auferweckt. 

Unter dem Eindruck eines liebenden Gottes, der erlöst und verzeiht, lässt sich die Vorstellung vom jüngsten Gericht, die Rede von  Reben, die verdorrt sind und weggenommen werden, anders hören: Manche Menschen nehmen sich ja selbst die Lebensenergie, weil sie das Gelingen ihres Lebens nicht an Gott, sondern an Erfolg, Geld, Ansehen, Schönheit, Leistung festmachen. Wenn eine Krise kommt, wird ihre Kraft schnell leer gehen. Eine trockene Rebe kann brechen, sie ist den Elementen, Feuer und Wind, schutzlos ausgeliefert. Menschen, die auf Gott vertrauen, werden vom Glauben genährt. Sogar der Winter, Krankheit und Tod, kann sie nicht von der Kraftquelle trennen. 

Wer sich an Gott hält, der lebt – hier in der Hoffnung, dass Gott festhält, den er liebt – dort in der Erkenntnis, dass nicht der Tod das letzte Wort über uns hat. Bei Gott gewinnt das Leben. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ (1. Korintherbrief, Kapitel 13, die Verse 12 und 13). Das Leben in Gottes Gegenwart ist die Verbindung, an der Gott und Mensch festhalten. Es wird wie ein Fest sein, das Gott und Mensch miteinander feiern. Dann werden alle an einem Tisch sein –  auch die, die vor uns waren, und die, die nach uns sein werden.

Ein Fest, in dem wir das himmlische Mahl zum Teil vorwegnehmen, ist das heilige Abendmahl. An den Festtagen zu Erntedank und Totengedenken wird es in den evangelischen Kirchen im Kettenheimer Grund gefeiert, dann werden Wein und Traubensaft gereicht. Beim Abendmahl erinnern wir uns an die Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern, gekennzeichnet durch Brot und Wein. Und wir denken daran, dass Christen das Mahl in Gegenwart Jesu Christi feiern, in dem sie Brot und Wein oder Traubensaft miteinander teilen. Wer das Abendmahl feiert, der wird gestärkt sein und er spürt: er ist Teil einer großen Gemeinde. Wir alle, ob wir im Glauben fest sind oder zweifeln, sind eingeladen, in Gottes Gemeinschaft zu sein. Nehmen wir seine Einladung ein. Lassen Sie uns gemeinsam feiern!

Es grüßt Sie herzlich

Ihre Gemeindepfarrerin