Vorwort Herbst 2015

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich mag den Himmel, vor allem, wenn aus einem azurblauen die Sonne scheint oder wenn weiße Wolken spielerisch in ihm dahin ziehen. Ich mag es, wenn in der Nacht die Sterne funkeln - kleine Lichter, von Menschen phantasievoll zu Sternenbildern verbunden, oder wenn der Mond - manchmal geheimnisvoll von einer Wolke umgeben - das Licht der Sonne reflektierend zur Erde sendet und die Welt in mystisches Licht taucht.

Ich sehe gerne in den Himmel - auch in den kräftig blauen der Heiligen Kapelle, der Sainte Chapelle auf der Ile de la cité in Paris. Hunderte goldener Sterne leuchten dem Betrachter aus diesem Himmel entgegen. Ich habe sie nicht gezählt. Sie alle sind gut sortiert, jeder an seinem Platz. Woran hat der Maler gedacht, als er die Decke der Kapelle mit diesen Sternen verzierte? Wer noch nie die Sainte Chapelle im Original gesehen hat, der muss wissen: der Blick des Betrachters wird in dem Raum nach oben gezogen. Hohe Fenster, mit leuchtenden Farben bunt bemalt, und schlanke Pfeiler in einem Kreuzrippengewölbe, spitz zusammenlaufend, ziehen den Blick zur Decke. Dieses Streben nach oben ist typisch für die Gotik.

In der Romanik, einem älteren Baustil, wirken die Gebäude gedrungener, mit ihren runden Bögen fast bodenständig. In der Gotik bauten Menschen Richtung Himmel. Mit ihren Kirchen wollten sie zeigen, wie groß und mächtig Gott ist, wie klein und unbedeutend der Mensch. Hatte der Maler der Decke in der Sainte Chapelle deshalb den Sternenhimmel gewählt? Wollte er den Menschen klein machen, kleiner als er ist? Aber warum dann diese Ordnung? Gleichmaß spielt in der Architektur eine Rolle. Nur zeigen verschnörkelte Blumenranken wie in der Burgkirche zu Ober-Ingelheim, dass auch Individualität und Vielfalt im gotischen Baustil zu finden sind. Ordnung war nicht zwingend. Es muss also einen anderen Grund haben, warum die Sterne in der Sainte Chapelle in Reih und Glied am Himmel sind. 

Die Bibel hilft weiter. In einem Psalm heißt es: „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.“ (Psalter, Kapitel 104, Vers 24). Ordnung machen, das Chaos beseitigen, Struktur schaffen, das ist ein wesentlicher Bestandteil von Gottes Schöpfungshandeln. Ganz am Anfang erzählt die Bibel, wie Gott Ordnung macht. Gott gibt allem, was er ins Dasein bringt, einen Namen, einen Ort und einen Sinn: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“ (Genesis, Kapitel 1, Verse 1-5).

Am zweiten Tag wird die Ordnung fortgesetzt. Gott scheidet das Wasser. Das Wasser oberhalb der Erde wird durch ein Gewölbe festgemacht. Eine unsichtbare Schutzschicht trennt es von der Erde. Das Gewölbe nennt Gott Himmel. Der Himmel sorgt dafür, dass die Erde nicht vom Wasser über ihr überflutet wird. Das Wasser unter der Erde sammelt Gott an besondere Orte. Trockenes Land entsteht. „Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war.“ (Vers 10). Danach schafft Gott Bäume, die Samen tragen und Frucht bringen, lässt Gras wachsen und Kräuter. Lichter kommen an den Himmel - die Sonne für den Tag, Mond und Sterne für die Nacht. Durch sie gibt Gott Zeichen am Himmel, setzt Zeiten, Tage und Jahre fest. Fische und Vögel entstehen, die Tiere des Feldes und die Menschen. „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“! (Vers 31). 

Vielleicht hatte der Maler der Decke der Sainte Chapelle Gottes Schöpferhandeln im Blick, als er sie mit einem Sternenhimmel verzierte und ihm seine Ordnung verlieh. Vielleicht dachte er  auch an die Kirche. Die Bibel erzählt, wie ein Mann vor vielen Jahren nachts in den Himmel sieht. Dieser Mann ist Abram. Zu ihm spricht Gott: „Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? ... So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“ ( Genesis, Kapitel 15, Vers 5). Tatsächlich leiten drei Weltreligionen sich von diesem Stammvater ab: Juden, Christen und Moslems. 

Noch heute stehen Menschen unter der Decke der Sainte Chapelle in Paris, schauen wie Abram gen Himmel und erinnern sich daran, dass sie unter einem Höheren sind - mit all den anderen Menschen überall auf der Erde. Oder sie denken an Gottes Schöpfung, in der alles seine Ordnung hat, seinen Platz und einen Sinn. Was immer Sie, liebe Leserin, lieber Leser, beim Anblick der Sterne am Himmel oder der Decke der Sainte Chapelle bewegt: Als Geschöpf sind Sie von Gott gewollt, bejaht und geliebt! Erntedank und all die anderen Feste und Feiertage geben uns Gelegenheit, uns dieses Daseins bewusst zu werden, Gott für seine Schöpfung zu danken und sich zu freuen, dass es sie gibt.

Es grüßt Sie herzlich Ihre Gemeindepfarrerin!