Vorwort Sommer 2015

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

treffen sich zwei Dorfpfarrer. Sagt der eine: „Mensch, ich hab vielleicht einen Ärger mit den vielen Fledermäusen in meiner Kirche.“ Sagt der andere: „Ja, das habe ich auch mal gehabt. Aber dann habe ich die alle konfirmiert, und danach habe ich sie nie wieder gesehen!“ Diesen Witz werden Sie vermutlich kennen. Die einen sagen, dass er stimmt, denn: „So bald der Gottesdienstbesuch nicht mehr zum Pflichtprogramm des Konfirmandenunterrichts gehört, sind Jugendliche in der Kirche nicht mehr zu sehen, es sei denn zu Beerdigung, Hochzeit oder Taufe.“ „Stimmt nicht“, sagen andere. „Denn kaum einer ist – soweit sich das im Kettenheimer Grund feststellen lässt – nach seiner Konfirmation aus der Kirche ausgetreten.“ 

Überdies müssen wir fragen, was Kirche eigentlich ist, was wir darunter verstehen. Für die einen ist Kirche das Gebäude aus Stein, in dem einige wenige sonntags Gottesdienst feiern, während die meisten ausschlafen, brunchen, zu Sportveranstaltungen fahren oder Ausflüge machen. Für andere ist Kirche die Gemeinschaft der Getauften, die auch als Gebäude aus lebendigen Steinen bezeichnet wird. So beschreibt sie der Verfasser des 1. Petrusbriefes, Kapitel 2, Vers 5: „Und auch ihr als lebendige Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“ 

Wer zur Kirche dazu gehört, muss also nicht zwangsläufig Gottesdienst feiern. Gottesdienst ist ein Angebot, das zur geistlichen Erbauung jedes einzelnen wie zur Pflege der Gemeinschaft als einer spirituellen Gemeinde dient und dessen Regelmäßigkeit einen Sinn macht, damit jeder sich frei entscheiden kann, wann er dieses Angebot annimmt und sich auf Gottes Einladung einlässt. Tatsächlich gibt es Pfarrer und Pädagogen, die davon abraten, im Konfirmandenunterricht den Gottesdienstbesuch zur Pflicht zu machen. Denn Pflicht erzeugt, dass Gottesdienst zum Zwang wird und Jugendliche ihre Kirche als einengend empfinden. Andererseits sage ich den Konfirmanden, dass es Sinn macht, regelmäßig am Gottesdienst teilzunehmen. Denn dadurch werden Ablauf und Texte vertrauter, werden liturgische Gesänge und Lieder gelernt. Wenn sie nach ihrer Konfirmation wieder zur Kirche gehen, werden sie Texte und Ablauf kennen, können Lieder und Liturgie mitsingen. 

Den Gottesdienst zu besuchen, ist auch wichtig, um damit die Gemeinschaft zu pflegen, einige Gedanken mit heim zu nehmen, Last abzulegen, Glauben mit anderen zu teilen. Tatsächlich haben manche Jugendliche sich während ihrer Konfirmandenzeit zum gemeinsamen Gottesdienstbesuch – auch in anderen Orten – verabredet. Den meisten von ihnen werde ich nach ihrer Konfirmation sonntags seltener in der Kirche begegnen. Dafür sehe ich sie spätestens beim Jugendweihnachtsgottesdienst wieder. 

Außerdem weiß ich: Der Kontakt, den Jugendliche zur Kirche halten, ist vielseitig, und er verändert sich. Manche gehören zum Team, das den Kindergottesdienst gestaltet, dazu. Andere helfen beim Kinderbibeltag mit oder leiten die Proben fürs Krippenspiel. Einige haben sich sogar als Jugenddelegierte Anfang dieses Jahres in Gemeindeversammlungen zur Wahl gestellt. Sie werden ab September an den Sitzungen des Kirchenvorstands teilnehmen. Viele junge Menschen – auch aus unserer Pfarrei – fahren auf Jugendfreizeiten des Dekanats mit oder sind bei Fahrten der Pfarrei dabei. Die meisten der Konfirmierten, die eine Ausbildung anfangen oder in den Beruf gehen, zahlen Kirchensteuer und ermöglichen damit, dass ihre Kirchengemeinde, deren Personal, Angebote und Gebäude erhalten bleiben. Oft nehmen Erwachsene das Spektrum, in dem Jugendliche an ihrer Kirche partizipieren, wo und wie sie christliche Gemeinschaft mitgestalten, nicht wahr. Fakt ist, dass der Gottesdienstbesuch nachlässt. Das ist jedoch nicht nur bei den frisch Konfirmierten der Fall. Auch die 20, 30, 40-Jährigen nehmen das gottesdienstliche Angebot kaum wahr. Bleibt zu fragen, warum der Gottesdienstbesuch an sich nachlässt. Ist es die Pflicht während der Konfirmandenzeit, die ihn unattraktiv macht? Oder ist es die Gottesdienstform selbst, die klassisch zeitlos oder nicht mehr zeitgemäß ist? Ist es die Vielzahl freizeitlicher Angebote, die sonntags miteinander konkurrieren? 

Sehen wir die Gottesdienste, die speziell auf Zielgruppen wie Kinder, Jugendliche, Familien ausgerichtet sind, so merken wir, dass deren Form eine andere ist als die klassische am Sonntag, und dass sie oft sogar besser besucht sind. Ich vermute: Viele Menschen fühlen sich von zielgruppenorientierten Gottesdiensten mehr angesprochen. Sie finden sich mit ihren Themen, ihrem Lebensgefühl darin wieder. Außerdem gab es vor 20, 30 Jahren sonntags vormittags nichts anderes als den Gottesdienst. Er war der Treffpunkt der Gemeinde. Für manche Älteren ist er das bis heute. Heute gibt es allerdings auch eine Vielzahl an Freizeitangeboten. Gleichzeitig haben Menschen weniger Zeit, wegen der Fülle der Angebote diese wahrzunehmen. Sie müssen wählen. Auswählen heißt immer auch, dass ein Angebot angenommen und alle anderen ausgeschlossen werden. 

Entscheiden, auswählen, sich informieren müssen, das kann zum Stress werden. Viele sehnen sich danach, in ihrer Freizeit zur Ruhe zu kommen, nichts zu tun, ausruhen zu dürfen, nicht immer und überall erreichbar zu sein. Das Bedürfnis, sich erholen zu können, wächst mit der Fülle der Kommunikation. Vor allem in einer Welt, die schnelllebiger, globaler, unübersichtlicher, wechselhafter wird, sehnen viele sich danach, geborgen zu sein, sicher zu leben. Kirche kann für die Erfüllung dieser Sehnsucht sorgen. Als lebendiges Gebäude kann sie standhaft sein und Geborgenheit geben. Gleichzeitig kann sie sich verändern und dynamisch handeln. Wäre sie statisch, gäbe es keine evangelische Gemeinde. Mancher Gottesdienst ist aufgrund der Veränderungen unserer Kirche und der geringeren Nachfrage wegen reduziert worden bzw. wird mit anderen Gemeinden zusammen gefeiert. Dafür ist mehr Raum für Neues entstanden. Veränderungen bieten die Möglichkeit auszuprobieren, kreativ und offen zu sein, als Gemeinschaft mit anderen zu wachsen. Dennoch hat Kirche Überzeugungen und Traditionen, die Halt geben, eine Botschaft und eine Gemeinschaft, die wichtig ist. Es gibt Werte, die bewahrt werden, erst recht in einer Welt, die unsicher ist. 

Für Pfarrer, Kirchenvorstände, Gemeinden gilt daher, die Bedürfnisse der Menschen wahrzunehmen, Sorgen und Nöte aufzunehmen und angemessen als Kirche vor Ort präsent zu sein. Dieser Balanceakt zwischen Bewährtem und Überkommenem, neuen Impulsen und Traditionen wird eine Herausforderung sein, vor allem für die frisch gewählten Kirchenvorstände, die dieses Jahr bei den Kerbegottesdiensten im September in unseren Gemeinden eingeführt werden. Doch auch sie dürfen sich bei allen Veränderungen an einem Wort festhalten, das beim Propheten Jesaja steht und mit dem Gott zu uns spricht: „Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde … zu tränken mein Volk, meine Auserwählten; das Volk, das ich mir bereitet habe, soll meinen Ruhm verkündigen.“ (Jesaja, Kapitel 43, die Verse 19 und 21). 


Eine gute und inspirierte Suche nach dem, was Menschen brauchen, was unsere Gemeinden trägt und für sie wichtig ist, wünscht Ihnen Ihre Gemeindepfarrerin